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nicht, Ben“, sagte er. „Irgendwo lauern die Karavellen auf uns. Diese Schlappe schlucken die Kerle nie.“

      Ben Brighton nickte. Noch einmal zogen die vergangenen Stunden in seiner Erinnerung vorbei: Das plötzliche Auftauchen der fünf bretonischen Karavellen, der heimtückische Trick, mit dem die bretonischen Freibeuter ein Kommando auf die „Isabella“ schleusten, der erbitterte Kampf, in dessen Verlauf Hasard und seine Crew eine der Karavellen zu den Fischen schickten, eine andere schwer beschädigten. Dann ihr tollkühnes Unternehmen auf der Belle Ile, durch das sie sich das verlorengegangene Trinkwasser wiederbesorgten. Nein, Hasard hatte recht: Diese Schlappe würden die Bretonen niemals hinnehmen.

      Auch Ben Brightons Blick wanderte jetzt zu dem hellen Streifen an Steuerbord.

      „Wir müssen mit vier Karavellen rechnen“, sagte er dann. „Sie sind schneller als wir, besonders bei diesem Wind. Eine gute Chance, ihnen zu entwischen, hätten wir nur bei schwerem Sturm, aber danach sieht es noch nicht aus. Vielleicht wird der Wind noch steifer – aber diese Bastarde haben wir im Nakken, das ist auch meine Meinung. Und ich glaube, sie werden sich nach Sonnenaufgang an uns heranpirschen.“

      Hasard wußte, wie recht sein Bootsmann hatte. Die vier Karavellen waren für die Galeone eine geradezu tödliche Gefahr. Sie waren wesentlich schneller und beweglicher als die schwere, dickbauchige „Isabella“, die außerdem noch dreißig Tonnen Silber in ihrem Rumpf mit sich schleppte.

      Hasard preßte die Lippen zusammen, bis sie nur noch ein schmaler Strich waren.

      „Ben, du weißt, daß wir Plymouth auf jeden Fall erreichen müssen. Nicht nur wegen des Silbers, sondern vor allem wegen der Kassette, die wir dem Don abgenommen haben. Ihr Inhalt ist für uns und England wertvoller als alles Gold und Silber, was wir den Dons noch irgendwann abjagen. Los, Ben, schick Dan in den Hauptmars. Er hat von uns allen die schärfsten Augen. Er wird die Karavellen entdecken, noch bevor sie uns ausmachen können.“

      Ben Brighton nickte nur kurz, dann wandte er sich um. Gleich darauf dröhnte seine mächtige Stimme über Deck:

      „Dan, raus aus der Koje und rauf in den Ausguck. Und der Teufel wird dich lotweise holen, wenn du da oben weiterpennst!“

      Der Seewolf grinste. Ben Brightons Stimme konnte wirklich Tote erwecken. Gleich darauf sah er den schlanken Jungen wie ein Schemen über das Deck huschen und die Wanten hochentern.

      Der Seewolf sah ihm nach, bis er im Hauptmars verschwand. Er hatte diesen Jungen in sein Herz geschlossen, und es mußte mit dem Teufel zugehen, wenn er aus Dan nicht einen Kerl machte, der später einmal als Kapitän mit seinem Schiff quer durch die Hölle segelte, wenn es sein mußte.

      „Ferris!“ brüllte er dann und beugte sich gleichzeitig zum Rudergänger Pete Ballie hinab, der unter dem Quarterdeck am Kolderstock stand.

      „Kurs weiterhin Nordwest, Pete, bis ich einen anderen Befehl gebe, klar?“

      „Klar“, sagte Ballie nur und seine riesigen Fäuste umklammerten den Kolderstock noch fester.

      Ferris Tucker, der hünenhafte Schiffszimmermann, tauchte auf dem Quarterdeck auf.

      „Ferris, stell jeden verfügbaren Mann an die Kanonen. Sorg dafür, daß Backbord und Steuerbord feuerbereit sind. Laß jedes einzelne Geschütz sorgfältig überprüfen. Schick mir ein paar Leute aufs Vor- und aufs Achterkastell, ich kümmere mich mit ihnen um die Drehbassen. Laß alle verfügbaren Musketen laden.“

      Ferris Tucker schob die schrankbreiten Schultern vor. Und der Seewolf wußte, was diese Bewegung bedeutete: Kampfeslust und die Entschlossenheit, sich eher in Stücke schießen zu lassen, als aufzugeben.

      „Wieviel Kartuschen haben wir noch, Ferris?“ fragte Hasard.

      „So viel, daß wir die Bastarde damit zur Hölle schicken können, wenn sie es noch mal mit uns versuchen.“

      Hasard hob fragend die Brauen, aber der riesige Schiffszimmermann grinste ihn an.

      „Ich habe im Ballast noch einen Posten Segeltuch entdeckt, der uns bisher entgangen war. Meine Leute sind seit Stunden damit beschäftigt, neue Kartuschen herzustellen. Und glaube mir, daß sie es gern tun. Wenn diese Kerle wirklich wieder mit uns anbändeln, dann gnade ihnen Gott!“

      Damit drehte sich Tucker um und war gleich darauf verschwunden.

      Der Seewolf hob unwillkürlich die Oberlippe hoch. Bei allen Stürmen der sieben Weltmeere – das war eine Bande, mit der sich etwas anfangen ließ.

      Wieder ließ er seine Blicke über die Kimm hinter der „Isabella“ gleiten. Aber er vermochte keine Mastspitze zu entdecken, obwohl sich inzwischen die Morgendämmerung den Horizont hinaufgeschoben hatte und erstes, fahles Licht über die schwarze See warf.

      Um dieselbe Zeit trieb Capitain La Roche, den die bretonischen Freibeuter wegen seiner Habgier und Grausamkeit „den Hai“ nannten, seine Leute an. Der Hai kochte vor Wut. Er konnte es nicht fassen, daß die fünf Karavellen, die unter seinem Kommando standen, von einer einzigen Galeone geschlagen worden waren. Daß offenbar auch die Männer, die er mit soviel List an Bord dieses verdammten schwarzen Teufels geschmuggelt hatte, so jämmerlich versagt hatten und allesamt getötet worden waren.

      Vom Hauptdeck vernahm er die brüllende Stimme seines Bootsmanns, dann Schreie. Gleich darauf dumpfe, klatschende Schläge.

      „Ich mache euch Beine, ihr verdammten faulen Hunde!“ hörte er den Bootsmann brüllen. „Los, bewegt euch, ihr Affen. Ist das Großsegel noch nicht klar? Wollt ihr hier anwachsen?“

      La Roche verfolgte die Arbeiten vom Achterdeck aus schmalen Augen. Er sah, wie sich das Großsegel im Wind blähte, spürte, wie die Karavelle an Fahrt gewann.

      Er warf einen flüchtigen Blick auf die drei anderen Schiffe, die achteraus an Backbord und Steuerbord aufstaffelten.

      Nein, dieser schwarze Teufel mit den weißen, blitzenden Zähnen, der das Schiff seines Bruders vernichtet hatte, sollte ihm nicht entkommen. La Roche wußte, daß sie die schwerfällige Galeone schon bald eingeholt haben würden. Der achterliche, steife Wind war für seine Karavellen geradezu ideal. Im Gegensatz zu ihrem unheimlichen Gegner hatten die Karavellen nur wenig Tiefgang, liefen wesentlich schneller und manövrierten besser und leichter. Und genau das war ihre Stärke. Allerdings – La Roche wußte, daß ihnen diesmal kein Fehler mehr unterlaufen durfte. Beim ersten Angriff waren sie sich ihrer Beute zu sicher gewesen. Aber dieser Engländer verstand zu kämpfen. Der Hai kannte Männer dieser Art, und er wußte, daß dieser große Mann mit den tiefschwarzen Haaren beißen und kämpfen würde, solange noch ein einziger Funke Leben in ihm war.

      Wieder warf er einen Blick auf die hinter ihm segelnden Karavellen. Sie schlossen auf.

      La Roche überlegte. Er versuchte sich in die Situation des Fremden zu versetzen. Welchen Kurs hätte er an Stelle der Englänger gesegelt?

      Ein böses Lächeln zuckte um seine Mundwinkel.

      „Signal an alle: Kurs Nordwest. Verband ausschwärmen auf Sichtweite. Keiner greift ohne meinen ausdrücklichen Befehl an, keiner nähert sich der Galeone auf Schußweite!“ befahl er.

      Es war kein Problem, den Befehl zu signalisieren. La Roche und seine Schiffe waren aufeinander eingespielt. Sie verfügten über genügend Signale, um sich gegenseitig alles Notwendige zu übermitteln, ohne daß Fremde in der Lage gewesen wären, diese Signale zu deuten.

      Auf dem Hauptmars der Karavelle flammte eine speziell für diesen Zweck hergerichtete Signallampe in rhythmischen Intervallen auf.

      Es dauerte nur Minuten, dann hatten die anderen ihr „Verstanden“ übermittelt.

      Der Hai ging unruhig auf dem Achterdeck auf und ab. Unter seinen Füßen hob und senkte sich die „Minouche“ in der langen Dünung.

      Donegal Daniel O’Flynn starrte sich die Augen aus dem Kopf. Es war heller geworden. Die Kimm trat jetzt scharf und klar aus dem Morgendunst hervor. Unter ihm blähte sich das Großmarssegel im Wind. Weißer Gischt sprang über das Vorkastell, wenn die „Isabella“

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