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der arabischen Welt ein Ausdruck von Respekt, für den Bekannten aus einem europäischen Kulturkreis kommend allerdings das Gegenteil.

      Manchmal genügt bereits eine bestimmte Art des Humors, um die Kluft zwischen den kulturellen Welten sichtbar werden zu lassen. Was für den einen ein Witz ist, kann für einen anderen Menschen aus einer anderen Gesellschaft eine Peinlichkeit oder sogar eine Beleidigung darstellen. Natürlich sind kulturelle Schranken nicht unüberwindbar, aber um ein echtes Verständnis füreinander zu bekommen, müssen wir zunächst die Unterschiedlichkeit der Welten, aus denen wir kommen, anerkennen. Das bedeutet, dass wir uns bewusst machen, dass uns der Kulturkreis, in dem wir leben, tiefer prägt, als wir uns das normalerweise eingestehen.

      Besonders in unserer westlichen Gesellschaft sehen wir uns selbst als aufgeklärt, modern und weltoffen. Damit einher geht das Gefühl, anderen Kulturkreisen überlegen zu sein. Gleichzeitig übersehen wir völlig, dass wir ein Kind dieser Kultur sind und damit unsere Sicht- und Lebensweise stark von der westlichen Gesellschaft geprägt wird. Wir sind daher in unseren Meinungen und Verhaltensweisen genauso wenig unabhängig und frei wie Menschen in anderen Kulturen. Unsere sogenannte Weltoffenheit kommt sehr schnell an ihre Grenzen, wenn wir mit für uns unverständlichen Lebensformen anderer Kulturen konfrontiert werden und diese als gleichwertig akzeptieren sollen.

      Doch auch innerhalb einer Kultur leben Menschen in unterschiedlichen Welten. Lebt ein Mensch, der in sich tiefe Ängste hat, und dessen Grundgefühl das der Bedrohung ist, in der gleichen Welt wie ein Mensch mit einem großen Vertrauen ins Leben? Mit Sicherheit nicht. Eine Person mit Grundängsten wird auf allen Ebenen mehr mit Absicherung beschäftigt sein als mit Lebenslust. Das wird ihre Sichtweisen genauso prägen wie ihre Gefühle und Verhaltensweisen. Vielleicht verhält sie sich in Kontakten vorsichtig, geht bei Entscheidungen keine Risiken ein, bleibt im vertrauten Rahmen der Tradition, fährt immer wieder an den gleichen Urlaubsort und ist allem Neuem oder Fremdem gegenüber skeptisch. Ein lebensverändernder Schritt kann für eine ängstliche Person eine ungeheure Herausforderung darstellen, die sie mit tiefen Ängsten konfrontiert und an den Rand der Erschöpfung bringt.

      Ganz anders verhält sich da ein Mensch mit Grundvertrauen. Neues wird als belebend erfahren und entsprechend gesucht. Das bekannte und vertraute Terrain kann hinterfragt und erweitert oder zurückgelassen werden. Ein Mensch mit Grundvertrauen hat eine Freiheit und eine Abenteuerlust, von der eine Person mit Ängsten nur träumen kann.

      Man könnte jetzt denken, dass eine ängstliche Person auf die Freiheit eines Menschen mit großem Vertrauen neidisch ist. Doch das ist ein Irrtum. Im Gegenteil kann sie ein risikobereites Handeln unverständlich oder sogar erschreckend finden. Eine ängstliche Person sucht nämlich zuinnerst Sicherheit und nicht Freiheit. Man kann sich vorstellen, dass Menschen, die in derart unterschiedlichen Welten leben und so widersprüchliche Sehnsüchte haben wie den Wunsch nach Sicherheit, bzw. Freiheit und Abenteuer, sich manchmal begegnen wie Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen – mit großem Unverständnis füreinander. »Wie kann man nur immer an den gleichen Urlaubsort fahren?«, fragt sich da die eine Person und die andere schüttelt den Kopf bei dem Gedanken, »wie man sich nur so damit ›stressen‹ kann, ständig neue Dinge auszuprobieren«.

      Wie unterschiedlich diese beiden Welten tatsächlich sind, kann man nur ermessen, wenn man begreift, dass auch die Wahrnehmung der Menschen unmittelbar betroffen ist. Unsere Wahrnehmungsorgane sind eben keine neutralen »Empfangsgeräte«, sondern verarbeiten die ­äußeren ­Sinnesreize in Abhängigkeit zu unserer inneren Verfassung. Wenn eine Person chronisch in einer Welt der Angst und der Bedrohung lebt, »schärfen« sich ihre Sinne und bilden daher eine ganz andere Welt ab als bei einem Menschen mit Grundvertrauen. Die innere Haltung, »immer auf der Hut zu sein«, führt zu einer generellen Anspannung und einer Überbetonung der äußeren Wahrnehmungsorgane.

      In der Anspannung arbeiten unsere Sinnesorgane anders als in der Entspannung. Wir kennen dieses Phänomen partiell alle: Bei Gefahr fahren wir unsere »Antennen« aus und werden hochsensibel für äußere Reize, die uns schaden könnten. In diesem »angespannten Schauen und Hören« können uns kleinste Reize in Alarm versetzen, die wir in einem entspannten Grundzustand kaum wahrnehmen würden. Gleichzeitig ist hier die Wahrnehmung nach innen – also das Spüren des Körpers und das Fühlen – deutlich eingeschränkt. Ein angespannter Zustand ist also anstrengend und führt zusätzlich zu einer Überaktivität unserer äußeren Sinne, sodass wir überempfindlich auf äußere Reize reagieren und entsprechend eine reizarme – also vertraute – Umgebung suchen.

      Gleichzeitig nimmt im akuten, aber genauso im chronischen Zustand der Bedrohung die Fähigkeit zum Genießen ab. Genießen können wir nur in der Entspannung und durch innere Muße. Hier beginnen wir die Dinge von innen her zu spüren und unsere Sinne öffnen sich für eine Feinheit und Unmittelbarkeit, die uns im Zustand einer Überschärfe durch Gefahr nicht zugänglich ist. Da aber ein Mensch mit Grundängsten nur in einer vertrauten Umgebung einigermaßen entspannen kann, ist es nicht verwunderlich, dass jede neue Situation als anstrengend empfunden und vermieden wird.

      Der ängstliche Mensch erfährt also tatsächlich eine andere Welt als ein Mensch mit Grundvertrauen. Beide Menschen konstruieren ihre Sinneserfahrung entsprechend ihrer Grundhaltung und erschaffen durch ihr Verhalten aktiv das Milieu ihrer Umwelt mit. Man kann daher durchaus davon sprechen, dass sie in unterschiedlichen Welten leben, genauso wie zwei Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen oder wie eine Fledermaus und ein Mensch. Die weitverbreitete Vorstellung, dass alle Wesen in einer Welt leben, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Trugbild.

      Die Schlüsselrolle des Bewusstseins

      Wenn wir uns jetzt noch vor Augen führen, dass auch der einzelne Mensch in verschiedenen Bewusstseinszuständen und damit inneren Welten zu Hause ist, dann zerfällt die gängige Idee einer einzigen Welt, die unsere Wirklichkeit ausmacht, vollständig. So kann ich mir gut vorstellen, dass manche Leserin oder mancher Leser bei der Lektüre dieses Kapitels das Gefühl hat, schwindelig und zunehmend unsichererer und verwirrter zu werden. Diese Reaktion wäre durchaus berechtigt und sehr natürlich. Schließlich ist es in diesem Kapitel meine Absicht, den Schleier der gewohnten und allgemeingültigen Wirklichkeit, die uns eine kohärente, äußere Welt vorgaukelt, zu lüften. Ja, sogar die gängige Vorstellung, dass wir selbst eine einheitliche Person sind, wird hinterfragt. Damit rüttle ich an dem Grundgerüst, auf dem das persönliche und gesellschaftliche Leben aufgebaut ist.

      Wenn uns daher diese Betrachtungen verwirren oder verunsichern, können wir sicher sein, dass wir über den Schleier einer gewohnten einheitlichen Wirklichkeit hinausgetreten sind und dort einer neuen, vielschichtigen und vor allem lebendigen Wirklichkeit begegnen. Hier sind die Dinge nicht so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, nämlich als in sich bestehende, unabhängige Entitäten. Vielmehr wird uns zunehmend bewusst, dass die äußere Welt nicht unabhängig von der betrachtenden Person existiert und es damit keine allgemeingültige Erfahrung einer äußeren Welt gibt, sondern nur unendlich viele Betrachtungsperspektiven.

      Wenn wir uns jetzt im nächsten Schritt bewusst machen, dass auch der sogenannte Betrachter keine unabhängige Gegebenheit ist, sondern wiederum von der Betrachtungsperspektive, also dem jeweiligen Bewusstseinszustand, abhängt, verlassen wir endgültig die Vorstellung einer verlässlichen äußeren und inneren Welt. Was bleibt, ist eine vielschichtige Realität der totalen Bezogenheit und vor allem eine Wirklichkeit, die sich in jedem Augenblick verändern kann. Oder anders gesagt, die nicht feststeht. Es genügt, dass die betrachtende Person einen anderen Bewusstseinszustand einnimmt und damit eine andere ­Perspektive, schon gerät die Welt in Bewegung und zeigt neue Facetten. Wie beim Blick durch ein Kaleidoskop, bei dem die geringste Bewegung des Betrachters neue Farbspiele erzeugt, so kann uns eine neue Betrachtungsweise die Welt, einschließlich unserer selbst, in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.

      Ist das nicht gespenstisch und ein wenig verrückt? Ja, im eigentlichen Wortsinn ist es »ver-rückt«, denn unsere übliche Sicht einer äußeren statischen Welt, in der eine klare Ordnung herrscht, wird hier erschüttert. Das bedeutet aber nicht, dass wir im psychiatrischen Sinne verrückt werden und damit nicht mehr alltagstauglich leben können, sondern dass wir die Möglichkeit

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