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frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.

      »Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen. Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen wir bei Euch bleiben?«

      »Die Wüste gehört allen. Marhaba, Du sollst uns willkommen sein!«

      Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir sofort ungeniert Platz nahmen.

      Die beiden Physiognomien, welche ich nun studiren konnte, waren keineswegs Vertrauen erweckend. Der Ältere, welcher bisher das Wort geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen, blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war keine Adler-und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form eines Geierschnabels.

      Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen zu ihm haben.

      Der Ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat spricht, und der jüngere ließ mich vermuthen, daß er kein Orientale, sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der Wüste selten sind und wohl nur deßhalb liegen geblieben waren, weil die Beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Compaß, ein prachtvoller Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.

      Ich tat, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus der Satteltasche eine Hand voll Datteln und begann, dieselben mit gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.

      »Was wollt Ihr in Seddada?« frug mich der Lange.

      »Nichts. Wir gehen weiter.«

      »Wohin?«

      »Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«

      Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß ihr Weg der nämliche sei. Dann frug er weiter: »Hast Du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«

      »Ja.«

      »Du willst Deine Heerden dort verkaufen?«

      »Nein.«

      »Oder Deine Sklaven?«

      »Nein.«

      »Oder vielleicht die Waaren, die Du aus dem Sudan kommen lässest?«

      »Nein.«

      »Was sonst?«

      »Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«

      »Oder willst Du Dir ein Weib dort holen?«

      Ich improvisirte eine sehr zornige Miene.

      »Weißt Du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem Weibe zu sprechen! Oder bist Du ein Giaur, daß Du dieses nicht erfahren hast?«

      Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann, infolgedessen die Vermuthung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen; Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von armenischer Herkunft aufgefallen und – – ah, war es nicht ein armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingravirt war.

      »Erlaube mir!«

      Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las: »Paul Galingré, Marseille.« Das war ganz sicher nicht der Name der Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verrieth aber mein Interesse durch keine Miene, sondern frug leichthin: »Was ist das für eine Waffe?«

      »Ein – ein – – ein Drehgewehr.«

      »Magst Du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«

      Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:

      »Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«

      »Warum?«

      »Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest Du ein Sohn des Propheten, so würdest Du mich niederschießen, weil ich Dich einen Giaur nannte. Nur die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«

      »Nein.«

      »So hast Du sie gekauft?«

      »Nein.«

      »Dann war sie eine Beute?«

      »Ja.«

      »Von wem?«

      »Von einem Franken.«

      »Mit dem Du kämpftest?«

      »Ja.«

      »Wo?«

      »Auf dem Schlachtfelde.«

      »Auf welchem?«

      »Bei El Guerara.«

      »Du lügst!«

      Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem Revolver.

      »Was sagst Du? Ich lüge? Soll ich Dich niederschießen wie – – –«

      Ich fiel ihm in die Rede:

      »Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«

      Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und frug drohend: »Was meinst Du mit diesen Worten?«

      Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.

      »Ich meine, daß Du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir sehr bekannt; er lautet Hamd il Amasat.«

      Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich aus.

      »Woher kennst Du mich?«

      »Ich kenne Dich; das ist genug.«

      »Nein, Du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie Du sagtest; ich bin ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«

      »Wem gehören diese Sachen?«

      »Mir.«

      Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »P. G.« gezeichnet. Ich öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben Buchstaben eingravirt.

      »Woher hast Du sie?«

      »Was geht es Dich an? Lege sie von Dir!«

      Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war stenographirt, und ich kann Stenographie nicht lesen.

      »Weg mit dem Buche, sage ich Dir!«

      Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten, fand aber jetzt doppelten Widerstand,

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