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Einsiedler« sich einbürgerte. Manche behaupteten sogar, Innes hätte sie erfunden; zum mindesten sorgte Innes für ihre Verbreitung.

      »Was macht Ihr Einsiedler heute?« erkundigten sich die Leute.

      »Ach, er einsiedelt weiter!« pflegte Innes dann mit strahlendem Ausdruck zu erklären, als habe er etwas Geistreiches gesagt, um dann sofort das allgemeine Gelächter, das viel eher durch seine Art als durch seine Worte hervorgerufen wurde, mit der Bemerkung zu unterbrechen: »Wissen Sie, Sie haben gut lachen, aber mir gefällt die Sache gar nicht. Der arme Archie ist ja ein recht guter Kerl, den ich immer habe leiden mögen. Ich finde es aber kleinlich von ihm, die geringfügige Dummheit, die er sich hat zuschulden kommen lassen, so schwer zu nehmen und sich derart vor den Menschen zu verschließen. ›Zugegeben, daß es eine lächerliche Sache war, eine peinlich lächerliche Sache‹, sag’ ich ihm immer. ›Aber seien Sie ein Mann! Stellen Sie sich der Welt wie ein Mann!‹ Aber er denkt gar nicht daran! Natürlich ist nur die Einsamkeit und die Schande und dergleichen daran schuld. Aber, Sie verstehen, ich beginne, mich vor den Folgen zu fürchten. Es wäre doch unsäglich schade, wenn ein wirklich vielversprechender Mensch wie Weir ein schlechtes Ende nähme. Ich fühle mich allen Ernstes versucht, einmal Lord Hermiston zu schreiben und ihm die Sache klarzulegen.«

      »Das würde ich an Ihrer Stelle tun«, pflegten dann einige seiner Zuhörer zu erwidern, kopfschüttelnd, erschrocken und verwirrt durch diese neue und so geschickt durch ein einziges Wort beleuchtete Auffassung der Angelegenheit. »Eine ausgezeichnete Idee!« fügten sie meist hinzu und wunderten sich über den Aplomb und die Position dieses jungen Mannes, der als etwas Selbstverständliches davon sprach, Hermiston zu schreiben und ihn in seinen Privatangelegenheiten zurechtzuweisen.

      Und Frank fügte mit gewinnendem Vertrauen hinzu: »Ich will Ihnen etwas sagen: Er nimmt es sich tatsächlich zu Herzen, daß ich hier so gut aufgenommen werde und daß er in der Grafschaft keine Rolle spielt – er ist wahrhaftig eifersüchtig und nimmt es sich zu Herzen. Ich habe ihn geneckt, und ich habe ihm zugeredet; ich habe ihm erklärt, daß alle ihm wirklich wohlgesinnt wären, ja ich hab’ ihm sogar weisgemacht, daß ich lediglich so aufgenommen würde, weil ich sein Gast sei. Aber es nützt alles nichts. Er nimmt weder die Einladungen an, die man ihm schickt, noch hört er auf, über diejenigen nachzugrübeln, die man ihm nicht schickt. Wovor ich mich fürchte, ist, daß die Wunde allmählich zu schwären anfangen könnte. Er gehörte von jeher zu den dunklen, verschlossenen, zornigen Naturen – ein wenig hinterlistig mit einer tüchtigen Portion Galle –, Sie kennen ja die Art. Er muß es wohl von den Weirs geerbt haben, die vermutlich irgendwo von einer ehrbaren Weberfamilie abstammten; wie heißt doch der landläufige Ausdruck? – sitzende Lebensweise. Das gerade sind die Naturen, die in einer falschen Stellung, wie sie sein Vater für ihn geschaffen hat oder wie er sie sich jetzt selbst schafft – das können Sie halten, wie’s Ihnen beliebt –, auf Abwege geraten. Ich für meinen Teil finde es eine Schmach«, fügte Frank edelmütig hinzu.

      Allmählich nahmen der Kummer und die Sorge dieses uneigennützigen Freundes festere Gestalt an. Er fing an, im Vertrauen, unter vier Augen, unklar von allerlei schlechten und gemeinen Gewohnheiten Archies zu sprechen. »Ich muß sagen, ich fürchte tatsächlich, daß er völlig auf Abwege geraten ist«, meinte er alsdann. »Ich sag’ es Ihnen offen heraus und ganz unter uns: Ich mag eigentlich nicht länger hier bleiben; aber verstehen Sie, ich fürchte mich einfach, ihn allein zu lassen. Mir wird man natürlich später die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Ich bringe ein großes Opfer, wenn ich bleibe. Ich schade meiner Karriere als Advokat: dagegen kann ich meine Augen nun mal nicht verschließen. Ich fürchte wirklich, ich werde noch von allen Seiten Fußtritte bekommen, ehe die Sache vorbei ist. Sehen Sie, keiner glaubt ja heutzutage noch an Freundschaft.«

      »Ja, Innes, das ist aber kolossal anständig von Ihnen«, pflegte der Fragesteller dann zu erwidern. »Ich muß schon sagen, wenn man je was gegen Sie vorbringt, können Sie natürlich zum mindesten auf mich rechnen.«

      »Ja«, fuhr Frank fort, »offen gestanden, man kann es nicht als angenehm bezeichnen. Er hat eine furchtbar ungehobelte Art; seines Vaters Sohn, verstehen Sie? Ich sag’ ja nicht, daß er geradezu unhöflich ist – natürlich kann man nicht von mir erwarten, daß ich mir auch das noch bieten lasse –, aber er segelt schon hart an den Wind. Nein, angenehm ist es nicht; doch ich sage Ihnen, Mann, ich halte es auf mein Gewissen nicht für fair, ihn im Stich zu lassen. Verstehen Sie mich ja nicht falsch: ich sag’ nicht, daß wirklich etwas nicht im Lote ist. Was ich sage, ist nur, daß mir die ganze Sache nicht gefällt.« Und er preßte den Arm seines jeweiligen Vertrauten.

      Ich bin überzeugt, daß er anfänglich nichts Böses beabsichtigte. Er redete lediglich um des Vergnügens willen, sich reden zu hören. Er besaß von Natur eine flinke Zunge, wie sich das für einen jungen Advokaten schickt, und nahm es ebenso natürlich mit der Wahrheit nicht sehr genau – was das Zeichen eines jungen Esels ist. So redete er drauflos. Einen besonderen Zweck verfolgte er dabei nicht, außer dem allgemeinen, ihm angeborenen, sich selbst zu schmeicheln und dem Freund des Augenblicks zu gefallen und ihn zu interessieren. Und dank dieser Gewohnheit, Wind zu dreschen, baute er allmählich von Archie ein Bild auf, das in allen Winkeln und Ecken des Landes bekannt und beredet wurde. Wo immer ein Herrenhaus inmitten seines ummauerten Gartens lag, wo immer ein zwergenhaftes Schloß in seinem Parke sich erhob, wo immer ein vierfach vergrößertes Cottage neben einem alten Wachtturm den Niedergang einer alten Familie anzeigte oder eine stattliche Villa mit Wagenauffahrt und Strauchwerk den Aufschwung einer neuen – auf den Rädern der Maschine vermutlich –, da wurde Archie im Licht eines düsteren, vielleicht gar lasterhaften Geheimnisses betrachtet und die weitere Entwicklung seiner Laufbahn mit Unruhe und vertraulichem Geraune erwartet. »Er hat irgend etwas Unehrenhaftes begangen, meine Liebe! Was, ist nicht ganz klar, aber jener reizende, freundliche junge Mann, Mr. Innes, hat sein Bestes getan, es auf die leichte Achsel zu nehmen.« Das war es nun einmal. Und Mr. Innes machte sich um ihn jetzt große Sorgen. »Er ist wirklich ganz beunruhigt, mein Bester; er ruiniert sich tatsächlich seine Laufbahn, weil er es nicht wagt, ihn allein zu lassen.« Wie restlos sind wir alle doch einem einzigen Schwätzer ausgeliefert, der nicht einmal bösen Willens zu sein braucht! Wenn ein Mann nur im richtigen Geiste von sich selbst redet und seine Tugenden beiläufig erwähnt, ohne sie je als Tugend zu bezeichnen, wie leichtfertig wird dann sein Zeugnis im Gerichtssaal der öffentlichen Meinung angenommen!

      Während dieser ganzen Zeit gärte ein noch giftigeres Ferment zwischen diesen beiden jungen Burschen, eines, das erst spät an die Oberfläche gekommen war, das ihre Unstimmigkeiten jedoch von Anfang an beeinflußt und vergrößert hatte. Für einen müßigen, oberflächlichen, leichtlebigen Kunden wie Frank bot die Witterung eines Geheimnisses einen besonderen Reiz. Es beschäftigte seinen Geist, wie ein neues Spielzeug ein Kind beschäftigt, und es packte ihn an seiner schwachen Seite; denn wie viele junge Männer, die sich den Anwaltsberuf gewählt haben, schmeichelte er sich selber, bevor er noch gewogen und zu leicht befunden war, daß er ein besonders rasches Auffassungsvermögen und einen hervorragenden Scharfblick besäße. In jenen Tagen wußte man noch nichts von Sherlock Holmes, aber man sprach viel über Talleyrand. Und hätte man Frank in einer schwachen Minute überrascht, er würde mit verlegenem Schmunzeln gestanden haben, daß er, wenn überhaupt, dem Marquis de Talleyrand-Perigord ähnelte. Es war gelegentlich der ersten Abwesenheit Archies, daß dieses Interesse Wurzel schlug. Es wurde noch ungeheuer vertieft, als Kirstie beim Frühstück seine Neugier hart zurückwies, und am gleichen Nachmittag ereignete sich ein Vorfall, der die Krisis herbeiführte. Frank war dabei, in Begleitung Archies im Swingle-Bach zu fischen, als Archie auf seine Uhr schaute.

      »Also, leben Sie wohl«, sagte Archie. »Ich habe zu tun. Ich seh’ Sie dann später beim Essen.«

      »Wozu diese Eile?« rief Frank. »Warten Sie doch, bis ich meine Angel eingeholt habe. Ich gehe mit Ihnen; ich hab’ es satt, diesen Graben zu belagern.« Und er begann, die Leine aufzuwinden.

      Archie stand sprachlos. Er brauchte eine ganze Weile, bis er nach diesem direkten Angriff seine fünf Sinne wieder beisammen hatte; als er aber die Antwort endlich fand und das Aufwickeln der Leine fast beendet war, hatte er sich gänzlich in Weir verwandelt: das Henkergesicht thronte finster auf seinen jungen Schultern. Er sprach mit erzwungener Ruhe, mit erzwungener Freundlichkeit sogar, allein

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