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gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies«, lautet der erste Satz von Mein Kampf: »Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!« Hitler fährt dann fort: »Nur wenig haftet aus dieser Zeit noch in meiner Erinnerung, denn schon nach wenigen Jahren musste der Vater das liebgewonnene Grenzstädtchen wieder verlassen, um innabwärts zu gehen und in Passau eine neue Stelle zu beziehen; also in Deutschland selber.«98

      Dieser Einleitungssatz, an dem Hitler lange herumgefeilt hatte, ist reine Politpropaganda. Hitler spielte mit dem Symbolwert: Schon 1921 hatte er in einer Erklärung im Völkischen Beobachter hervorgestrichen, dass der Ort seiner Geburt »bloß 250 m von der bayerischen Grenze entfernt, noch vor 100 Jahren selber bayerisches Staatsgebiet war […]. Ich könnte auch einwenden, dass ich einen Teil meiner Kindheit bereits in Bayern verbrachte, zu Passau, und dass ich mich nunmehr seit geschlagenen 10 Jahren in München befinde.«99 Er wollte sich den Lesern als geborener deutscher Bürger, angestammter Bayer und wirklicher Großdeutscher präsentieren.

      Ob lieb gewonnen oder nicht: An Braunau am Inn, das nicht nur der Reichspräsident Hindenburg, sondern auch schon lange vorher Hitlers Münchner Kampfgefährte Rudolf Heß mit der gleichnamigen böhmischen Stadt (tschechisch Broumov) verwechselt hatte, konnte Adolf wenig oder gar keine Erinnerung haben, wie er auch selbst zugab.100 Doch wer hätte ihm die selbst ernannte Rolle als wichtigster Braunauer in seiner eigenen Vorstellung streitig machen können? Edmund Glaise-Horstenau, der Vizekanzler im österreichischen »Anschluss«-Kabinett Seyß-Inquart und von 1941 bis 1944 »Deutscher Bevollmächtigter General in Kroatien«, war ebenfalls Braunauer. Als die beiden bei einem Zusammentreffen auf ihren gemeinsamen Geburtsort zu sprechen kamen, sagte Hitler lächelnd: »Sie haben Pech, dass ich auch dort geboren wurde, sonst wären Sie der berühmteste Braunauer!« Glaise wandte ein: »Mein Führer, das ist doch nicht ganz richtig. Sie erinnern sich. Vor einigen Jahrhunderten gab es in Braunau einen Bürgermeister, der einen so langen Bart hatte, dass er sich mit den Füßen drauftrat und zu Tode stürzte. Der stünde noch immer zwischen uns.« Es folgte allgemeines Gelächter.101 So elegant hat wohl selten jemand dem Großmaul den Mund gestopft.

      Es hätte auch noch andere berühmte Braunauer gegeben, die aber noch weniger in das Hitlersche Weltbild passten: vor allem die jüdische Familie Wertheimer, die 1851 das ehemalige Kloster Ranshofen samt Gutswirschaft erworben hatte und es zu einem Musterbetrieb ausbaute. Ferdinand Wertheimer, der sich um die Wirtschaft des Innviertels und die Stadt Braunau große Verdienste erworben hatte, wurde Ehrenbürger der Stadt. Sein Enkel, Egon Ranshofen-Wertheimer, der in der Emigration gegen Hitler arbeitete, erwarb sich nach dem Zweiten Weltkrieg um die europäische Einigung große Verdienste und könnte mit gutem Recht als berühmtester Braunauer gelten.

      Definitiv nichts mit der Stadt Braunau hat hingegen das Braun der nationalsozialistischen Parteifarben zu tun, von den Braunhemden bis zum Braunen Haus. Die Farbe Braun ist zwar schon in den Anfangsjahren der NSDAP nachweisbar, aber doch wohl dem Kostenfaktor zuzuschreiben, weil von der jungen Partei ein größerer Posten von ursprünglich für die deutsche Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika bestimmter Braunhemden als Uniformierung günstig erworben werden konnte.102

      Hitlers Geburtsjahr 1889 war ein geschichtlich markantes Jahr. In Paris wurde der Eiffelturm eröffnet. Über 30 Millionen Besucher bestaunten auf der Weltausstellung die modernsten Errungenschaften der damaligen Welt. In Deutschland starb 1888 Kaiser Wilhelm I. und 1890 trat Bismarck zurück. In Österreich beging Kronprinz Rudolf Selbstmord. Es war die Zeit, als alle drei österreichischen Massenparteien sich formierten, die Deutschnationalen, die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten. An der Jahreswende 1888/89 wurde auf dem Hainfelder Parteitag die Gründung der österreichischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) besiegelt. Im Herbst des Jahres erschien Bertha von Suttners Roman Die Waffen nieder!

      Die Umstände einer Geburt, das ist Teil jeder historischen Legendenbildung, verweisen auf die künftige Bestimmung großer Persönlichkeiten. Bei Hitler wurde an dieser Legende, von ihm selbst entsprechend unterstützt, während und auch nach der nationalsozialistischen Zeit weiter kräftig gestrickt. Das Geburtshaus wurde zu einem Ort abstruser Verehrung und zu einem bis in die Gegenwart umstritten gebliebenen Ort. Wie mit ihm umgehen, was damit anfangen, wie es nutzen? Eine befriedigende Lösung ist bis jetzt nicht gefunden.103

      Am 20. April 1889, es war der Karsamstag, kam dort der nunmehr, nach dem frühen Tode Gustavs, wieder erste Sohn des Ehepaares Alois und Klara Hitler zur Welt. Ob im heute noch stehenden Straßenteil oder in dem später abgerissenen hinteren Hofteil des Hauses, ist umstritten. Geburtshelferin war die Hebamme Franziska Pointecker. Anwesend war wohl auch die Hausgehilfin Rosalia Hörl, die später auch als Hebamme arbeitete. Dass sie damals an der Geburt des zukünftigen »Führers« als solche mitgewirkt hätte und dass sie, wenn sie gewusst hätte, »was aus dem kleinen Adolf einmal wird«, diesem die Nabelschnur um den Hals gelegt hätte, gehört zu den vielen Legenden, die rund um den »Führer« später erfunden wurden.104 Auch dass der Kindesvater Alois gar nicht zuhause war, weil er wie jeden Samstag bis 18 Uhr seinen Dienst versehen habe, mag Tratsch sein. Es war ja der Karsamstag, und die Teilnahme an den Osternachtfeiern, die ja schon am frühen Abend begannen, hat man im katholischen Österreich den Beamten zweifellos nicht vorenthalten wollen. Zwei Tage später, am Ostermontag um 15.30 Uhr, wurde das Kind von Pfarrer Ignaz Probst in der Braunauer Stadtpfarrkirche getauft. Dass der Vater um acht Uhr früh schon wieder im Dienst gewesen sei und an der Taufe nicht teilgenommen habe, ist allerdings richtig böser Tratsch.105 Denn der Ostermontag war ein gebotener Feiertag und galt auch für Beamte. Taufpaten waren wieder, wie schon bei allen früheren Kindern, Johann und Johanna Prinz, Private in Wien III, Löwengasse 28. Weil sie nicht persönlich nach Braunau kommen konnten, musste Maria Matzelsberger, Hitlers Schwiegermutter aus der zweiten Ehe, stellvertretend einspringen.

      Wurde als »Geburtsstätte des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler« unter Denkmalschutz gestellt: das Geburtszimmer Adolf Hitlers in der musealen Gestaltung nach 1938 (oben links).

      Der kleine Adolf genoss eine bevorzugte Behandlung durch die Mutter: »Er wurde vom frühen Morgen bis in die späte Nacht verwöhnt« (oben rechts).

      Die Taufpaten Johann und Johanna Prinz aus Wien konnten nicht persönlich zur Tauffeier nach Braunau kommen: Taufschein und »Geburtszeugnis« für »Adolfus« (unten).

      Die in den Jahren 1941 bis 1943 entwickelten Pläne des Architekten Rudolf Fröhlich sahen für die »Geburtsstadt des Führers« die Errichtung eines »Forums« mit Parteihaus und Landes- und Volkskundlichem Museum, ausgestattet mit Weihehof und Glockenturm, vor.

      Man darf die Taufpatenangelegenheit nicht gering schätzen. Denn Taufpaten waren damals, vor allem in der bäuerlich-kleinbürgerlichen Tradition, von großer Wichtigkeit, nicht nur weil sie nach kirchlicher Vorschrift erforderlich waren, sondern weil sie auch wertvolle Netzwerke herstellen konnten. Nicht nur zur Taufe selbst, sondern auch zu Allerheiligen und Ostern gab es für die Patenkinder kleine Geschenke: Allerheiligenstriezel, Osterwecken, gefärbte Eier, Süßigkeiten. Vor allem aber konnten die Patenleute Rat und Hilfe bieten, wie der Autor aus eigener Kenntnis der bäuerlichen Denkweise weiß. Dass man trotz der Umständlichkeit, bei den in Braunau stattfindenden Taufen für die in Wien weilenden Paten jeweils einen örtlichen Vertreter finden zu müssen, bei den Wiener Paten blieb, mag schlicht den Grund gehabt haben, nicht wechseln zu wollen. Vielleicht

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