Скачать книгу

Nase und Augenbrauen bereits bluteten. Während der Trainingsrunden gab es keinen Schiedsrichter. Nur die Güte wurde überwacht. Sank diese unter 10, erfuhr es der Spundgruppenführer zuerst.

      »Eliminiert wird Paul«, fluchte Simo. Nur Juli konnte sein Geifern hören.

      Der schwang bereits die Keule mit beiden Händen. »Was interessiert ’s dich, Simo? Paul ist doch nicht dein Freund, oder?«

      Wütend hob Simo die Keule über den Kopf und rannte auf den viel größeren Juli zu. »Verabscheue hierige Streite!«, brüllte er und schlug mit aller Kraft auf Juli ein.

      Der hielt geschickt die Keule in den Schlag, wurde nur leicht getroffen und taumelte bis zur Umrandung zurück. »Hast du in Taktik nicht aufgepasst, Simo?«, rief Juli. »Was musst du tun, um deinem Freund zu helfen?«

      Erneut schwang Simo die Keule. Die Umrandung war unüberwindbar, einfach zu hoch für einen Spund, wie Simo einer war. »Kein Nichts kann das!«, brüllte er.

      Paul wand sich auf dem Boden, immer mehr Blut verteilte sich in seinem Rondell, 35-Spundzweigboss-Marv hatte sich erhoben und trat wuchtig in Pauls Seite.

      »Du irrst, Simo! Du denkst egoistisch!«, rief Juli, an die Glaswand gelehnt, und ließ die Keule fallen. »Denke im Team. Das hast du bisher nie getan. Doch genau darin liegt der Weisheit Schlüssel, Simo. Denke im Team!«

      Ungläubig starrte Simo den Großen an, der, noch immer an die Wand gelehnt, die Hände so vor dem Körper hielt, dass Simo mit einem Fuß hineinsteigen und die Wand hätte erklimmen können.

      Inzwischen heulte Paul mit letzter Kraft. Marv trat gegen seinen Kopf und Paul versuchte sich zur Seite zu rollen. Plötzlich schwang Simo die Keule, drehte sich wie ein Diskuswerfer, ließ sie im richtigen Moment los und brüllte:

      »Paul, acht haben!« Die Keule flog über zwei Umrandungen. Paul sah sie kommen, nahm all seine Kräfte zusammen, krauchte los und fing die Keule, nachdem sie auf dem Boden aufgeschlagen war. Mit ihr konnte Paul umgehen. Bei all dem vielen Blut sah Simo auch den Hass in Pauls Gesicht. Dieser schwang die Keule, drehte sich dreimal um den eigenen Körper und näherte sich Marv, der plötzlich völlig erstarrt im Zentrum des Rondells stand.

      Es war ein dumpfer Schlag. Die Keule traf Marvs Gesicht, zerschmetterte Nase und Lippen. Der Educares fiel einfach rückwärts um und rührte sich nicht mehr.

      Als er sehen musste, was nun geschah, atmete Simo hastig, denn Paul stand plötzlich vor dem regungslosen Kampfpartner, der ihn eben noch bestialisch traktiert hatte. Mit beiden Händen führte Paul die Keule vom Rücken am eigenen Kopf vorbei und drosch sie auf den Kopf von Marv, dessen Schädeldecke zerschmettert wurde, sodass Blut und Gehirnflüssigkeit in alle Richtungen spritzte. Der nächste Schlag zertrümmerte die Rippen, der dritte alles, was zu Marvs Unterleib gehört hatte, und der vierte traf noch einmal den Kopf.

      Die Umrandung von Pauls Kampfplatz fuhr in die Höhe und der elfjährige Räudiger mit der dunklen Haut ließ Simos Keule fallen. Oben auf der Tafel leuchtete für alle Kampfplätze ein »Zeitaus«, auch die übrigen Umrandungen verschwanden. Die Augen aller Spunde in der Halle folgten Paul, der wortlos den Kampfraum verließ.

      Simos und Julis Blicke trafen sich.

      »Team?«, fragte Simo mit argwöhnischem Unterton und meinte Juli. »Wären zu spät g’wesen, Juli. Klugheit besser als Team.«

      Juli sagte kein Wort. Der Kleine, dessen Ideen mehr wert waren als seine, hatte es ihm mächtig gegeben.

      Simo rannte los, holte Paul ein, griff an dessen Handgelenk und zerrte ihn mit sich, obwohl Paul größer war. Der Kleine führte Paul durch einen langen Flur zur MÜS, der Medizinischen Überwachungsstation im Zentrum des Rottenkomplexes. Damit beging Simo ein Vergehen: Er verließ die Ausbildung, ohne einen direkten Befehl von seinem Spundzweigboss oder dem Spundgruppenführer erhalten zu haben.

      Paul schwieg noch immer apathisch. Von seinem Körper tropfte eigenes und fremdes Blut.

      Das Tor zur MÜS öffnete sich nicht, denn ihre Chips verrieten der Überwachungsanlage, dass sie beide Räudiger waren. Simo schaute sich um, entdeckte 32-Spund-Adri, einen achtjährigen Educares aus Pauls Zweig. Er ließ Paul los, griff Adri mit einer Hand an den Hals, mit der anderen am rechten Handgelenk und schubste ihn in Richtung der Tür zur Medizinischen Überwachungsstation, die sich daraufhin sofort öffnete. Simo stieß Adri zurück in den Flur und zerrte Paul in die MÜS, drückte ihn auf einen leeren Behandlungsstuhl und wartete. Das Untersuchungs- und Behandlungsapparat fuhr herunter, scannte Paul von oben bis unten, verschwand in der Decke und kam kurz darauf wieder herunter.

      »Arme in die vorgesehenen Halter legen!«, befahl eine weibliche Computerstimme. »Augen schließen!«

      Es war Simo, der Pauls Arme in die Halterungen drückte und befahl: »Mach Glotzen zu, 34!«

      Elemente des Behandlungsapparats bewegten sich ruckartig. Paul bekam mehrere Spritzen, ein Greifer glitt über seinen Kopf, es zischte ein paar Mal, dann lösten sich die Armhalterungen und der gesamte Apparat verschwand endgültig in der Decke.

      Paul wirkte benommen. Simo zog ihn mit sich zur Tür, die sich von dieser Seite problemlos öffnen ließ, und stand kurz darauf mit Paul im Flur. Dessen Gesicht war grob vom Blut gesäubert, seine Wunden mit Flüssigpflaster und Heilmitteln besprüht. Paul fühlte die Schmerzen nicht mehr.

      »Manchmal gut, schwanzloser Educares zu sein«, sprach Simo.

      Paul schaute Simo eine Weile an. Dann umarmte er den Kleinen, drückte ihn an seine Brust und heulte sehr, sehr lange. »Wollt den nicht totmachen«, schluchzte er, als müsse er sich entschuldigen.

      Simos Erwiderung kam ohne Umstände: »Hastes aber g’tan. Du oder der. Nicht anders Wahl hatt’st.«

      *

      Am Abend glaubte Simo den eigenen Augen nicht. Seine Güte war auf 20 gesunken, noch weit unter die von Paul! Praescius bestrafte ihn hart.

      Während sich Paul bei der Abendhygiene vom Wasserbad absprühen ließ, tauchte schon wieder 12-Spund-Juli auf, stand direkt neben Simo und war so nackt wie der Kleine. Juli sammelte Wasser in seinem Mund und spuckte es auf Simos Rücken! Und er lachte dabei und rief, um die Düsen zu übertönen: »Was du mit Paul geleistet hast, war beste Teamarbeit. Verstehst du? Nicht deine Idee, die Keule rüberzuwerfen – die war nur brillant. Nur so konnte Paul Nummer 35 in einer aussichtlosen Lage glätten. 36-Mart ist jetzt Spundzweigboss. Was aber dann geschehen ist – ich meine, wie du Paul zur Behandlung in die MÜS geschmuggelt hast –, das war echte Teamarbeit. Und weißt du was, Simo?«

      Simo reagierte nicht.

      »Was du getan hast, Simo, das tut ein guter Junge für seinen besten Freund.«

      Simo schaute Juli nur mit seinem schmalen Hintern an, denn die Augen blickten hinauf zu den glänzenden Tröpfchen des Wasserbades, die so sanft auf ihn herniederrieselten.

      »Sie haben dir 70 Gütepunkte gestrichen«, sagte Juli.

      »Weißt du auch warum?«

      Jetzt drehte sich Simo um und schaute mit tiefen, rot unterlaufenen Augen zu Juli, denn die Antwort auf diese Frage interessierte ihn durchaus.

      Juli lächelte den Kleinen an. »Weil du im Kampf gegen mich deine Waffe verloren hast, Simo. Nur deshalb haben sie dir die Güte genommen. Du warst damit wehrlos und ich hätte dich glätten können. Weil ich’s nicht getan habe, haben sie auch mir satte 20 Gütepunkte abgezogen.«

      Wieder wandte sich Simo ab, doch schon kurz darauf blickte er zurück: »Woher weißt’s?«, sprudelte die Frage mit viel Wasser aus seinem Mund.

      Doch Juli war bereits im Trockner verschwunden, das Rauschen neben Simo versiegte.

      Er selbst stand noch lange unterm Wasserbad.

      *

      Niemand sprach jemals über Marvs Glättung. Doch alle betrachteten Simo und Paul mit anderen Augen als bisher. Der sechste Zweig von Elias Spundrotte bestand nun nur noch aus vier Spunden – zwei Educares

Скачать книгу