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er aber da­mals schon ge­kannt ha­ben. Al­les in al­lem kann ich dem, lei­der un­ter­des­sen ver­stor­be­nen, Ver­fas­ser des Auf­sat­zes zwar nicht mit Si­cher­heit zu­stim­men, aber es noch we­ni­ger in Ab­re­de stel­len, dass der ver­meint­li­che Teu­fel mein Va­ter in ju­gend­lich über­mü­ti­ger Ge­be­lau­ne ge­we­sen. Be­trüb­lich wäre es frei­lich, wenn E. Wit­tichs Ver­mu­tung stim­men soll­te, dass ein Men­schen­freund von so sel­te­ner Güte wie es mein Va­ter war, weil er das fah­ren­de Völk­lein für einen Tag lang glück­lich ge­macht, in ih­rer Vor­stel­lung als kin­der­wür­gen­der Po­panz fort­le­ben müss­te.

      Ich sel­ber habe, wie schon ge­sagt, mei­nen Va­ter nicht im Ju­gend­brau­sen ge­kannt. Als ich ge­bo­ren wur­de, stand er im vier­zigs­ten Le­bens­jahr und schritt eben der Höhe sei­nes Schaf­fens ent­ge­gen. Die Ent­ste­hung sei­nes stärks­ten Wer­kes, des »Son­nen­wirt«, fiel in mei­ne frü­hen Kin­der­jah­re. Aber schon bald nach un­serm Weg­zug von Stutt­gart aufs Land soll­te sein Gestirn sich nei­gen. Mei­ne ei­ge­nen Erin­ne­run­gen zei­gen mir nur den erns­ten früh­ver­stumm­ten Mann, der an un­se­ren Kin­der­spie­len nicht mehr zum Kind wer­den konn­te und dem un­ser Lärm fern­ge­hal­ten wer­den muss­te. Im­mer gü­tig, aber schweig­sam, in tie­fem Selbst­ge­spräch, wan­del­te er wie auf ei­nem schma­len Sei­ten­pfad ne­ben dem Le­bens­weg der Sei­ni­gen her. Oft bin ich ge­fragt wor­den, was den feu­ri­gen Geist so früh ver­düs­tert habe. Was kann den Ge­ni­us trös­ten, muss ich zu­rück­fra­gen, wenn er kei­nen Le­bens­raum hat, um sei­ne Flü­gel zu ent­fal­ten? War mei­nes Va­ters gan­ze Ju­gend ein An­kämp­fen ge­gen den Wi­der­stand des Schick­sals ge­we­sen, so be­lud ihn jetzt eine sechs­köp­fi­ge Fa­mi­lie mit noch ganz an­de­ren Ge­wich­ten. Er war ja kein Schnell- und Viel­schrei­ber, ihm muss­ten die Früch­te sei­ner Man­nes­jah­re lang­sam rei­fen. Aber die end­lo­sen po­li­ti­schen, li­te­ra­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Nöte, die rings um­ge­ben­de Enge – das Wort im na­tür­li­chen und im über­tra­ge­nen Sin­ne ge­nom­men – und vor al­lem die im­mer neu­en Ent­täu­schun­gen, die sei­ne Zeit- und Hei­mat­ge­nos­sen ihm be­rei­te­ten, un­ter­wühl­ten mehr und mehr sei­ne Schaf­fens­kraft. Da gab es kei­nen er­fri­schen­den Luft­wech­sel für die an­ge­grif­fe­nen Kopf­ner­ven und kei­nen geist­be­flü­geln­den Aus­tausch; auch mei­ne von fünf Kin­dern um­tos­te Mut­ter konn­te ihm in der ei­ge­nen Be­dräng­nis die feh­len­de An­re­gung nicht er­set­zen. Ein un­ter­ge­ord­ne­ter, noch dazu durch ste­te Quen­ge­lei­en ei­nes ab­güns­ti­gen Vor­ge­setz­ten ver­gäll­ter Pos­ten an der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek von Tü­bin­gen, wo­bei dem Dich­ter das Rech­nungs­we­sen und an­de­rer geist­lo­ser Kram zu­fiel, das war der Port, der ihn nach den schwe­ren Le­bens­kämp­fen am Ende auf­nahm. Wie Kel­ler, wie Stif­ter ver­sah er mit treu­em Ei­fer das wi­der­wil­lig ge­tra­ge­ne Amt, das ihm Zeit und Stim­mung zum Her­vor­brin­gen raub­te. Und wenn die Ein­ge­bung sich noch ein­mal re­gen woll­te, so hin­der­te ein be­gin­nen­des Kopf­lei­den, die Fol­ge frü­he­rer Übe­r­an­stren­gung, ihr schöp­fe­ri­sches Auss­trö­men. »Gib, das Karr­werk mei­ner Tage, Ho­hes Glück, dass ichs er­tra­ge«, schrieb er da­mals in ei­nem Aus­bruch von Gal­gen­hu­mor an Hey­se, den Freund sei­ner Spät­zeit. Be­vor er so die Schwin­gen fal­te­te, hat­te der Un­ver­stan­de­ne, Nie­der­ge­schwie­ge­ne, durch die Mas­se der Klei­ne­ren von der li­te­ra­ri­schen Büh­ne Ab­ge­dräng­te, noch ein­mal ver­sucht zur Mit­welt zu spre­chen, als er ihr das star­ke Lied vom »Fremd­ling«, dem im Ra­ben­staat er­zo­ge­nen Ad­ler­jun­gen sang, das Schick­sals­lied des in der Enge ge­bo­re­nen Ge­ni­us und sein ei­ge­nes. Aber nur blö­des Schwei­gen hat­te ihm auch da geant­wor­tet, wenn nicht ab­fäl­li­ge Kri­tik, wie sie ihm zum bit­te­ren Schmerz mei­ner Mut­ter sein Ju­gend­freund Kaus­ler zu hö­ren gab, der Ru­wald aus dem »Wirts­haus ge­gen­über«, der un­ter­des­sen auf sei­ner Land­pfar­rei ein ver­stimm­ter Ein­sied­ler ge­wor­den war. Ein­zig aus der See­le des ju­gend­li­chen, vom Glück hoch­ge­tra­ge­nen Paul Hey­se war ein freu­di­ger und be­geis­ter­ter Wi­der­hall ge­kom­men. Wie den ent­täusch­ten, schon vom Frost der Ent­sa­gung be­rühr­ten Goe­the je­ner ers­te Brief Schil­lers, so er­we­ckend mag mei­nen Va­ter da­mals der An­ruf Hey­ses ge­trof­fen ha­ben. Am 25. De­zem­ber, gleich nach dem Empfang des Ge­dich­tes, schrieb er aus Meran: »Die Blät­ter ka­men uns in der Münch­ner Weih­nachts­kis­te zu, und als alle Freu­den durch­ge­nos­sen … wa­ren, las ich das Ge­dicht in der hei­li­gen Weih­nachts­s­til­le mit ei­ner Won­ne, die sich von Sei­te zu Sei­te stei­ger­te und am Schluss in eine wun­der­sa­me süße und stür­mi­sche Be­we­gung auf­ging, dass ich lan­ge her­nach noch wach im Bet­te lag und dies herr­li­che Ge­dicht mit star­ker und rei­ner Me­lo­die in mir nach­klin­gen fühl­te. Ich weiß die Zeit nicht, dass mich ein dich­te­ri­sches Werk so ins In­ners­te ge­rührt und ent­zückt hät­te … Mit welch kör­ni­ger Fein­heit, wie straff und elas­tisch zu­gleich, wie ei­gen und ein­zig Sie ihn (den Vers) zu zü­geln wis­sen, al­les im glück­lichs­ten Maß, je­nes rei­zen­de Spiel der Schalk­heit, das un­ver­merkt in lei­sen Schwin­gun­gen sich ins Gran­dio­se und Er­schüt­tern­de er­hebt und dro­ben in der hel­len und ge­wal­ti­gen Klar­heit aus­ruht – ich ken­ne nichts Ähn­li­ches.« Wor­te wie die­se hat­te der Emp­fän­ger in sei­nem gan­zen Le­ben auch von den Ge­treues­ten un­ter sei­nen Lands­leu­ten nie ver­nom­men. Es muss ja man­cher eben­so ge­fühlt ha­ben, aber dem Schwa­ben ver­sagt, um sein Ge­fühl zu äu­ßern, all­zu­leicht der An­lauf. Aus sol­cher Er­fah­rung dürf­te wohl das er­grei­fen­de Ju­gend­ge­dicht mei­nes Va­ters »Die Rede« ge­bo­ren sein:

       Es steht in al­ten Sa­gen,

       Dass stren­gen Zau­ber­bann

       Ein Wort, ein herz­lich Fra­gen

       All­mäch­tig bre­chen kann.

       So wird im Lied ge­schol­ten

       Der Held vom hei­li­gen Gral,

       Der als sein Wort ge­gol­ten

       Nicht hob des Oheims Qual.

       Siehst du, dass ei­ner trau­ert,

       So geh und red’ ihn an,

       Kein Herz ist so ver­mau­ert,

       Dass nichts ihm na­hen kann.

       Der Mensch hat nichts so ei­gen

       Wie Red’ aus treu­er Brust,

       Dem Stei­ne lass das Schwei­gen,

       Es bringt ihm we­nig Lust.

      Der er­lö­sen­de An­ruf, der wie­der und wie­der aus­ge­blie­be­ne, end­lich war er von ei­nem Nord­deut­schen, ei­nem Ber­li­ner, ge­kom­men. Die­se Dich­ter­freund­schaft soll­te denn auch dem Ein­sa­men zum Trost und stärks­ten In­halt sei­ner spä­ten Jah­re wer­den. Das feu­ri­ge Ge­ben und Neh­men ei­ner über­rei­chen Ge­dan­ken­welt muss­te ihm bis zum Ende die feh­len­de Ge­mein­de er­set­zen, wäh­rend Hey­ses leicht­schrei­ten­de, nie ras­ten­de Muse an dem äl­te­ren wuch­ti­ge­ren Ge­nos­sen den un­er­müd­li­chen, in jede Ein­zel­heit lie­be­voll ein­ge­hen­den Be­ra­ter fand. Denn alle die rasch nach­ein­an­der ent­ste­hen­den Wer­ke Hey­ses wur­den zu­erst als Ma­nu­skript oder als Fah­nen­druck in Tü­bin­gen vor­ge­legt und gründ­lich durch­ge­prüft. Mei­ne Mut­ter, die bei dem Freun­des­paar, ich weiß nicht warum, die Py­thia hieß, war im Bun­de die stür­misch lie­ben­de und be­wun­dern­de Drit­te. Der Über­schwang ih­rer

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