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und die Stelle, an der das Bein des Sofas den Teppich niederdrückte. Als er an einem Tisch vorbeikam, der dort im Flur schon seit mindestens fünfundzwanzig Jahren stand, stieß er sich sein Knie an. Leise und in seiner Wortwahl kultiviert fluchte Alfred und lief weiter in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Er trank es dort direkt im Stehen aus. Auf dem Rückweg stieß er sich seinen Fuß am Bein des Tisches an. Wie seltsam, dachte er, diesen Weg konnte er blind oder im Schlaf entlang laufen, so vertraut war er ihm doch in all den Jahren geworden. Alfred strich mit seiner Hand über die Tischplatte. Alte Haut auf rauem Holz. Er prüfte, ob der Tisch verschoben war, vielleicht weiter von der Wand weg stand. Aber er war nicht verrückt worden, das erkannte Alfred an den Abdrücken im Teppich, als er den Tisch ein klein wenig anhob. Er stellte ihn wieder an die richtige Stelle exakt auf die Abdrücke, ging zurück in die Küche und füllte das Glas erneut mit Wasser. Er trank einen kleinen Schluck daraus, lief zurück ins Wohnzimmer und achtete dabei genau auf den Tisch im Flur. Insgesamt drei Mal lief er den Weg von der Küche am Tisch vorbei in das Wohnzimmer und zurück.

      Etwas stimmte nicht.

      Etwas an der Wohnung war verändert.

      Als ob sie kleiner geworden sei oder die Möbel näher zusammengerückt waren. Alfred überprüfte einige Schränke und die Couch, konnte aber keinen Abstand zwischen ihnen und der Wand erkennen. Bedeutete das, dass die ganze Wohnung selbst ihre Ausmaße veränderte? „Die Dinge kommen näher, Judy. Die Wohnung wird immer kleiner“, sagte er, und Judy sah auf, als sie ihren Namen hörte. Früher wäre sie aufgesprungen, aber heute war sie eine alte Hundedame, die sich nicht mehr so viel bewegen mochte. Alfred setzte sich in seinen Sessel und beobachtete die Dinge, die in der Wohnung standen und die er noch einpacken musste. Er beobachtete sie dabei, wie sie ihn beobachteten, weil sie wussten, dass etwas vorging. Alfred fühlte, wie die Dinge näher rückten, wenn er nicht hinsah, wie bei diesem Kinderspiel, bei dem sich die Kinder nur dann bewegen durften, wenn das Kind, das vorne stand, sich wegdrehte und die Augen zuhielt.

      Das Läuten des Telefons zerriss die Stille.

      „Hast du fertig gepackt?“ Die Stimme seiner Tochter war laut, weil sie über die Freisprechanlage ihres Autos sprach. „Wenn wir nachher kommen, musst du deine privaten Sachen schon gepackt haben, wir haben nicht so viel Zeit.“

      „Aber meine Sachen sind alle privat.“

      „Ach Papa, du weißt schon, was ich meine. Vor allem die Sachen, die du in deinem Zimmer haben willst.“

      „Und was ist mit dem Rest?“

      „Du kannst nicht alles mitnehmen, Papa. Ich habe dir das gesagt, wir haben darüber gesprochen.“

      „Aber das sind meine Sachen.“

      „Ich sitze gerade im Auto und habe gleich einen Termin. Du kannst nicht alles mitnehmen, nur die Sachen, die dir wichtig sind.“

      „Und was ist mit den Sachen, die ihr wichtig waren?“

      „Was meinst du?“

      „Deine Mutter! Was ist mit den Sachen, die deiner Mutter wichtig waren?“

      „Papa, wir haben darüber geredet, und wir haben uns entschieden, was das Beste für dich ist. Ich muss jetzt zu meinem Termin. Ich rufe dich wieder an.“

      Sie legte auf.

      Alfred streichelte Judy den Kopf, die ihn mit ihren kleinen dunklen Augen ansah. Früher waren sie oft über eine Stunde im Park unterwegs, aber inzwischen fühlte er sich zu alt für diese langen Strecken. Als es Judy in der Hüfte bekam, verlagerten sie ihr Leben eher auf die Wohnung, und zum Einkaufen nahm er sie schon lange nicht mehr mit. Die Abende verbrachten sie damit, sich Spiel- und Wissenssendungen anzuschauen, sie suchten den Superstar und das nächste große Talent, und jeden Abend um zehn Uhr kochte sich Alfred einen Tee. All diese Abläufe sollten sich nun verändern, obwohl er das nicht wollte.

      Ihm fiel auf, dass das Bild auf der Kommode ganz an den Rand gerutscht war.

      "Judy, hast du es da hingestellt?", fragte er und dachte, dass es vielleicht nur an den Augen lag. Oder an seinem Verstand. „Was packen wir nur ein, Judy? Was davon ist weniger wichtig?“ Judy lief hinter Alfred her, der durch die Umzugskartons lief und sich nicht vorstellen konnte, wie die restlichen Dinge aus seiner Wohnung in die Kartons passen sollten. Was vermochte er zurückzulassen, um es einzulagern in irgendeiner Halle, von der er gar nicht wusste, wo sie stand. Wie konnte er entscheiden, welche Dinge er für den Rest seines Lebens noch brauchen würde? Seit Wochen beschäftigte ihn diese Frage, und heute kam seine Tochter, um ihn in ein betreutes Wohnheim zu bringen. Alfred nahm das Bild seiner Frau von der Kommode und legte es in den Koffer zu den anderen wichtigsten Sachen, die er unbedingt in seiner Nähe haben wollte. Kleidung für zehn Tage, drei passende Krawatten, seine Geldbörse mit Bankkarte und Ausweis, Rilke, Pantoffel, Kulturbeutel, den Kompass und die Taschenuhr seines Vaters.

      Fünf Stunden später kam seine Tochter. Sie trug hohe Schuhe und ein Businesskleid. Sie sah sich in der Wohnung um, öffnete den ein oder anderen Karton und warf einen prüfenden Blick hinein.

      „Warum hast du denn die Töpfe eingepackt? Wir haben das doch alles besprochen, du musst dort nicht mehr kochen.“

      „Ja, ich weiß.“

      „Okay, also welche Kartons willst du einlagern und welche mitnehmen?“

      „Keinen. Nur den Koffer.“

      „Was soll das, Papa? Du kannst doch nicht nur einen Koffer mitnehmen.“

      „Du hast gesagt, nur das Wichtigste.“

      „Oh bitte Papa, in all dem hier wird ja wohl mehr Wichtiges sein, als in einen Koffer passt. Warum machst du es uns so schwer?“

      „Nur den Koffer und Judy.“

       Jen

      Obwohl Jen schon über 30 war, sah sie immer noch wie eine frische Studentin aus. Sie war schlank, ihr Body-Mass-Index lag bei 20,5 und somit am unteren Rand des Normalgewichts, trotzdem war ihr Gesicht leicht rundlich wie das eines Teenagers. Sie war blond, nicht hellblond aber eben blond, und wenn sie auf einer Party erzählte, dass sie als Finanzbuchhalterin in einem Autohaus arbeite, erntete sie manchmal einen erstaunten Blick. Irgendetwas an ihr wirkte naiv auf andere Menschen. Im Umgang mit Zahlen war sie äußerst geübt und talentiert, sie merkte sich mühelos lange Zahlenkombinationen und Telefonnummern, viele Rechnungen führte sie im Kopf durch und benutzte den Taschenrechner nur zur Überprüfung, aber sie konnte sich partout keine aktuellen oder geschichtlichen Begebenheiten merken, was sie sehr schade fand. Bei schlechtem Wetter verbrachte sie den Sonntagnachmittag vor dem Fernseher, um sich Reportagen anzusehen, wobei ihr die Thematik relativ egal war, weil sie Dinosaurier genauso spannend fand wie Biografien berühmter Menschen oder Politiker. Besonders angetan war sie von einem Flugsimulator für Fruchtfliegen, der in einer Reportage für Genmanipulation vorkam, die gleich hinter dem tragischen Leben der Marylin Monroe ausgestrahlt wurde. Vor einigen Jahren war sie eher zufällig als Aushilfe in einem Autohaus gelandet, zusätzlich zu ihrem Job als Bedienung in einem Steakhouse, und sie freundete sich dort mit dem alten Buchhalter an, der sich immer über ihren Besuch an seinem Schreibtisch freute. Auf seine Frage, ob sie sich denn beruflich weiterentwickeln wolle, zum Beispiel durch das Absolvieren einer Ausbildung, weil dies doch etwas Sinnvolles sei, wusste sie keine Antwort. „Mädchen, mach was Anständiges“, sagte er mit einem Blick über seine Brillengläser, den Kopf geneigt. Sie tat es ihm gleich, senkte den Kopf und fragte mit tiefer, altväterlicher Stimme, ob er denn glaube, sie würde etwas Unanständiges tun. „Nein“, antwortete der Buchhalter lächelnd, „ich meine nur, du solltest etwas Bodenständiges erlernen, ein Handwerk oder was mit Zahlen. Und lies mal eine Tageszeitung, nicht immer nur diese Zeitungen mit Mode und Prominenten.“ Sie erzählte ihm von dem Fruchtfliegenflugsimulator, aber der Buchhalter fand, dass diese Thematik von der alltäglichen Realität zu weit entfernt sei. „Realität ist das, was in den verschiedenen Tageszeitungen steht“, sagte er. „Lies Zeitung und ziehe Querverbindungen, damit du dir eine eigene Meinung bilden kannst.“

      Weil Jen in Mathematik gar nicht so untalentiert war, ging sie mit dem Buchhalter

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