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bezweifle nicht, dass man mit dieser ­Methode Gewicht reduziert, denke aber, dass die Abnahme nicht zwangsläufig auf den persönlichen Ernährungsplan zurückzuführen ist, sondern auf die Tatsache, dass die Leute aufgrund der neu erlangten Motivation und der hohen Kosten bereit sind, ihre Selbstdisziplin auf Hochtouren zu schrauben. Ich hingegen war bereit für diesen Beweis, akkreditierte meine Eltern zu passenden, unwissenden Herausforderern und startete still und heimlich einen Wettkampf, den ich zu gewinnen gedachte – mit Pauken und Trompeten.

      Die Sommerzeit war immer schwierig für mich.

      Bereits zum damaligen Zeitpunkt war ich Meisterin im Kalorien­zählen. Ich kannte und kenne immer noch die Nährwerte der meisten ­gän­gigen Lebensmittel auswendig. Damit ich nicht selbst zählen musste, legte ich online ein Ernährungstagebuch an und führte anfangs tatsächlich tagtäglich Buch über jedes Lebensmittel, das den Weg in meinen Magen fand. Mir war von Beginn an wichtig, das Ganze nicht zu dogmatisch anzu­gehen, denn der gesunde Menschenverstand begreift sehr schnell, dass sich langfristige Erfolge nur sichern lassen, wenn es einen Ermessensspielraum gibt und man sich auch kleine Sünden erlauben darf. Ich hatte das Glück, dass ich immer schon gerne Obst und Gemüse aß und sich diese gesunden Gaumenfreuden nun mit weiteren hochwertigen Lebensmitteln wie Quinoa, Sprossen, Ingwer und großartigen Ölen, die etwa aus Trauben­kernen oder ­Oliven gewonnen werden, zu leckeren Speisen verarbeiten ließen. Auch vor sogenannten Superfoods wie Goji- oder Aronia-Beeren, Chia Samen oder Granatäpfeln schreckte ich nicht zurück – im Gegenteil, ich entdeckte sogar eine gewisse Vorliebe für jede Art von Beeren.

      Außerdem wusste ich über mich selbst, dass ich sehr regelkonform agieren konnte; daher beschloss ich, mir eine Liste anzufertigen, mit ­Dingen, die mir gut taten und die ich für meine persönliche Gewichts­reduktion als zielführend erachtete. Darunter war etwa, dass ich nach 15.00 Uhr keine Kohlenhydrate und nach 17.00 Uhr überhaupt nichts mehr esse. Aber auch regelmäßige, im Privatumfeld angesetzte Pflege von Sozial­kontakten, die bis dahin aufgrund meines sozialen Berufs zumeist auf das ­Arbeitsfeld beschränkt war, Wechselduschen, Gesichtsmasken oder ­Sit-ups und Liegestütze – auf Knien, versteht sich – waren darauf zu ­finden. Diese Liste umfasste 35 Punkte, und wenn ich es über einen Zeitraum von einem Monat schaffte, täglich mindestens 20 Punkte zu ab­solvieren, dann gönnte ich mir ein besonderes Extra am Monatsende, ­etwas, das ich mir ansonsten nicht gekauft hätte. Manches Mal klappte es und manches Mal nicht, aber jeder neue Monat bot eine neue Chance auf ein Stück zusätz­liches Glück.

      Außerdem entwickelte ich für mich ein ganz eigenes Belohnungs­system, so gab es etwa nach jeder Sporteinheit ein Stück Schokolade, denn auf diese himmlische Köstlichkeit wollte ich auf keinen Fall ver­zichten, schließlich bin ich bekennende Schokoholikerin. Das, was sich beim ersten Hören vielleicht eher nach einem scherzhaften Eingeständnis von Naschkatzen anhört, ist tatsächlich ein Begriff, der die Sucht nach Schokolade oder generell Süßem beschreibt. Ein Studienergebnis des bri­tischen Forschers Adrian Taylor, der meint, dass ein 15-minütiger Spaziergang die Lust auf Schokolade dämpft, kann ich absolut widerlegen. Vielleicht sollte ich ihm im Sommer während meiner Weitwanderung ­einen Besuch an der Universität Exeter abstatten und mich als Gegen­beweis ­seiner ­Theorie outen. Es wäre nur ein kurzer Katzensprung von Exmouth aus, aber die Reise wird noch zeigen, dass am Weg selbst für kleine Katzensprünge keine Zeit bleiben wird.

      Schritt für Schritt – erstes Ziel erreicht – Flatzer Wand.

      Dass Taylors Ansatz nicht klappen konnte, wusste ich von Anfang an, denn 15 Minuten Spazierengehen war genau die Art von „Sport“, mit der ich begann. Zum damaligen Zeitpunkt wäre wegen meines hohen Über­gewichtes auch nichts anderes möglich gewesen. Nach etwa einem Monat begann ich dann, auch langsam bergauf zu marschieren, was relativ einfach war, denn von meinem Haus aus führt so ziemlich jeder Weg bergauf. Unsere Ortschaft Flatz liegt an den Ausläufern der Gutensteiner Alpen am Fuße zweier kleiner Berge, der oben bereits erwähnten Flatzer Wand und dem etwas höheren Gösing, die gemeinsam einen Teil des Naturparks Sierningtal-Flatzer Wand bilden. Mein Trainingsgebiet begann – und ­beginnt immer noch – direkt vor der Haustür. Mein erstes Ziel war der eigentliche Ausgangspunkt für Entdeckungstouren auf der Flatzer Wand, der Parkplatz des „Waldbauers“. Dort, wo sich Kletterer, Wanderer oder Naturgenießer treffen, um ihr Abenteuer zu beginnen, war für mich anfangs bereits Schluss, denn der Parkplatz liegt 800 Meter und 50 Hö­hen­meter von meinem Zuhause entfernt, drei kurze Verschnaufpausen ­in­klusive. Nachdem ich diese Strecke ohne Stehenbleiben schaffte, ging es weiter vorbei am Grillplatz bis zur Forststraße, womit schon 134 Höhenmeter bewältigt waren. Es sollte vier Monate dauern, bis ich beim Naturfreundehaus der Flatzer Wand stehen und ins Tal blicken konnte. Dieser Moment war einer der bewegendsten, den ich je erlebt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich davon als fernes Ziel geträumt und nun stand ich tatsächlich dort, wo andere Dorfbewohner jedes Wochenende schnell mal bei einem kurzen Verdauungsspaziergang vorbeischauten. Ich hatte die Flatzer Wand erobert, ich ganz alleine. Dies war dann auch der Zeitpunkt, wo mein Umfeld schön langsam realisierte, dass sich irgendetwas in meinem Leben veränderte, auch wenn der große Abnehmerfolg immer noch nur von mir selbst wahrgenommen wurde, denn ob man nun 142 Kilo oder 125 wiegt, macht optisch noch nicht den großen Unterschied. Mir war aber wichtig, das Abnehmen nicht zu übertreiben, und ich folgte der WHO-Empfehlung, höchstens ein Kilo in einer Woche zu verlieren.

      Auch eine weitere Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation sollte ein fixer Bestandteil meines Tagesablaufs werden: 10.000 Schritte gehen. Das bedeutete aber gleichzeitig auch, dass ich täglich faktisch eine Stunde für das Gehen einplanen musste, denn die Alltagsbewegung brachte mir oft nicht mehr als 3.000 Schritte, wenn überhaupt. Jede Bewegung ist auf jeden Fall zu begrüßen, aber man kann auch 10.000 Schritte den ganzen Wiener Gürtel entlang gehen und hat trotzdem nichts abgenommen, weil eines fehlt: die Intensität. Das heißt, das Bergaufgehen ließ sich nicht vermeiden und auch das Suchen nach anderen Sportmöglichkeiten wurde über die Jahre immer intensiver. So überwand ich mein Schamgefühl und ging einmal in der Woche mit einer Kollegin schwimmen, mit drei Freundinnen startete ich eine Badmintongruppe und ich entdeckte meine Leidenschaft für Zumba. Außerdem begann ich mit Hanteltraining und versuchte so, meine massiven Oberarme in den Griff zu bekommen. Endlich traute ich mich aber auch, mich mit meinen Kollegen gemeinsam zu Wing Tsun anzumelden. Ich arbeite seit 2006 in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft „SoWo – Soziales Wohnhaus“ in Neunkirchen und ­betreue dort Jugendliche und junge Erwachsene, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihrer Familie leben können und daher über die Kinder- und Jugendhilfe im SoWo ein neues Zuhause gefunden haben. Hier kommt es immer wieder auch zu mehr oder minder gefährlichen ­Situationen und so ist das Erlernen einer Selbstverteidigungstechnik bestimmt von Vorteil. Wing Tsun stammt aus dem alten China und ist eine effiziente Form einerseits der Erkennung von Gefahrensituationen und andererseits auch einer möglichen Vermeidung. Lässt sich ein Angriff trotzdem nicht abwenden, so lernen wir hier, dass die körperliche Kraft eine untergeordnete Rolle spielt und durch ausgeklügelte Technik ausgeglichen werden kann. Diese Kampfkunst wurde von Frauen in erster Linie für Frauen entwickelt, damit sich diese gegen die meist körperlich über­legenen Männer zur Wehr setzen können, doch heute wird es sowohl für Männer als auch Frauen in einem gemeinschaftlichen Trainingsprogramm angeboten. Das Gute da­ran ist, dass bei Wing Tsun keinerlei ­körperliche Voraussetzungen nötig sind und es unabhängig vom Fitness­level erlernt werden kann – also genau etwas für mich.

      Doch trotz allem konnte mein Interesse für andere Sportarten meine Leidenschaft fürs Wandern nicht mindern, im Gegenteil, es trug dazu bei, die Fitness zu erhöhen und so noch weitere Strecken gehen zu können. Nach eineinhalb Jahren Training und mittlerweile 40 verlorenen Kilos führte mich meine erste Weitwanderung nach Mariazell. Neben der Erklimmung der Flatzer Wand war das Zufußgehen nach Mariazell schon lange ein Traum von mir gewesen, den es zu realisieren galt. Viele Einwohner ­Mollrams, der Ortschaft, in der ich aufgewachsen bin, pilgerten 2002

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