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beeinflußt. Sie ist zwar die Großenkelin eines Herzogs gewesen, aber in den Adern der Melchesters fließt böses, wildes Blut. Sie müssen gezähmt werden, Melinda, genau wie du.“

      „Ja, Onkel Hector“, sagte Melinda leise.

      Immer wieder das Gleiche, dachte sie traurig. Und anfangs, als sie in dieses Haus gekommen war, hatte sie sich in ihrer Naivität eingebildet, daß man sie ebenbürtig behandeln würde. Erst nach einer ganzen Reihe von Zurechtweisungen und Strafen hatte sie begriffen, wo ihr Platz war. Arme Verwandte besaßen nun einmal keine Privilegien und durften vor allem keinen Stolz zeigen. Sie mußten sich bescheiden und unterwürfig geben, sie mußten sich pausenlos entschuldigen, und falls sie eine eigene Meinung hatten, durften sie diese nicht äußern.

      „Ich bitte Sie um Vergebung, Onkel Hector“, sagte sie fast automatisch. „Sie waren immer sehr gütig zu mir.“

      „Ich habe dir etwas mitzuteilen“, sagte Sir Hector. „Ich möchte dich darauf hinweisen, daß du mehr Glück als Verstand hast.“

      „Vielen Dank, Onkel Hector“, sagte Melinda. „Ich bin Ihnen sehr dankbar.“

      „Du weißt ja noch nicht einmal wofür“, sagte Sir Hector. „Ich habe dir etwas sehr Wichtiges mitzuteilen. Etwas, was dich zweifellos sehr erstaunen wird und für jemand in deiner Position ein Geschenk des Himmels ist.“ Er schaltete eine Kunstpause ein. „Man hat um deine Hand angehalten“, sagte er schließlich.

      „Um meine Hand?“ Melinda traute ihren Ohren nicht.

      „Siehst du, damit hast du nicht gerechnet“, sagte Sir Hector selbstzufrieden. „Ich allerdings auch nicht, wenn ich ehrlich bin.“

      Melinda war völlig verwirrt. Sie hatte in den letzten Wochen doch niemand kennengelernt; und als sie noch von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet sein mußte, hatte sie das Haus auf Anweisung der Tante nicht verlassen dürfen. Der einzige Mann, mit dem Melinda kurz gesprochen hatte, war Captain Parry gewesen, als Charlotte ihn der Kusine vorgestellt hatte. Melinda betete zu Gott, daß nicht ausgerechnet er es war, der ein Auge auf sie geworfen hatte.

      „Ich sehe, du bist beschämt“, sagte Sir Hector. „Das gehört sich auch so. Heutzutage soll es ja Mädchen geben, die eigenwillig handeln und das Einverständnis der Eltern gar nicht erst abwarten. So etwas würde ich nie tolerieren!“

      „Nein, natürlich nicht, Onkel Hector“, sagte Melinda schnell. „Ich habe keine Ahnung, von wem Sie sprechen.“

      „Dann kann ich nur noch einmal betonen, daß du von einem Glück reden kannst, das du gar nicht verdient hast. Aber jetzt will ich dich nicht länger auf die Folter spannen. Der Gentleman, der dir die große Ehre angedeihen läßt, dich um deine Hand zu bitten, ist Colonel Randolph Gillingham.“

      Melinda stieß einen kleinen Schrei aus.

      „Großer Gott, nein!“ rief sie. „Nein! Diesen Mann kann ich nicht heiraten!“

      „Wie bitte?“ fragte Sir Hector entsetzt. „Wie darf ich das verstehen?“

      „Er - er ist doch so - alt“, stammelte Melinda.

      „So, alt ist er“, sagte Sir Hector mit eisiger Stimme. „Vielleicht interessiert es dich, daß Colonel Gillingham und ich gleich alt sind, und ich halte mich nicht für alt.“

      „Nein, natürlich nicht. So habe ich es nicht gemeint. Nur für mich ist Colonel Gillingham zu alt. Sie sind ja schließlich auch mein Onkel.“

      „Eben noch habe ich es gesagt, Melinda, du mußt gezähmt werden. Du brauchst eine harte Hand. Einen Mann, zu dem du aufschauen kannst, der dir Disziplin und Anstand beibringt.“

      „Aber - aber ich will ihn nicht heiraten“, rief Melinda. „Allein die Idee ist mir schon zuwider.“

      „Allein die Idee ist dir schon zuwider?“ wiederholte Sir Hector und seine Stimme war voll Spott. „Wer bist du eigentlich, daß du es dir erlaubst, so anmaßend zu sein? Colonel Gillingham ist ein sehr wohlhabender Mann. Mir persönlich ist es unbegreiflich, daß er dich zur Frau haben will, aber er hat mir versichert, daß du ihm bereits sehr viel bedeutest. Auf Knien solltest du deinem Schöpfer danken, Melinda, daß ein so nobler und respektierter Mann den Wunsch hegt, die Verantwortung für eine so oberflächliche Person wie dich zu übernehmen.“

      „Das ist sehr freundlich von ihm“, sagte Melinda, „aber ich kann ihn trotzdem nicht heiraten. Bitte, Onkel Hector, richten Sie ihm aus, daß ich sehr dankbar und geschmeichelt bin, daß ich mir der Ehre wohl bewußt bin, seinen Antrag aber ablehnen muß.“

      „Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich ihm das ausrichte!“ schrie Sir Hector.

      Diesmal ließ sich Melinda nicht einschüchtern.

      „Ich bedaure es, Onkel Hector“, sagte sie, „aber meine Antwort lautet so, und ich werde mich zu nichts überreden lassen. Papa hat mehrmals betont, daß er mich nie zwingen würde, einen Mann zu heiraten, den ich nicht liebe.“

      „Lieben!“ Sir Hector stieß ein häßliches Lachen aus. „Dein Vater muß nicht bei Verstand gewesen sein. Wie kann man ein Mädchen darin unterstützen, daß es alle Konventionen umstößt und die väterliche Autorität mißachtet? In meinem Haus wird immer noch das getan, was ich befehle. Ein anständiges Mädchen heiratet den Mann, den seine Eltern ausgesucht haben, und da ich die Verantwortung für dich übernommen habe, tust du, was ich sage, verstanden? Du heiratest Colonel Gillingham, und kein weiteres Wort wird darüber verloren.“

      „Ich kann ihn nicht heiraten, Onkel Hector. Ich mag ihn nicht. Er ekelt mich an - und ich habe Angst vor ihm.“

      „Du impertinente Gans!“ schrie Sir Hector. „Wie kannst du es wagen, so von einem meiner besten Freunde zu sprechen? Keinen Penny besitzt du und erlaubst dir, den wohlhabendsten Mann in der ganzen Grafschaft abzulehnen. Du wirst den Antrag des Colonel annehmen, und deine Tante wird in ihrer unendlichen Güte einen Empfang hier in diesem Haus für dich geben. Und jetzt geh auf dein Zimmer. Die Angelegenheit ist entschieden.“

      Melinda war weiß wie die Wand, aber ihre Stimme blieb fest.

      „Es tut mir leid, Ihnen Ärger bereiten zu müssen, Onkel Hector“, sagte sie, „aber wenn Sie Colonel Gillingham in dem Glauben lassen, daß ich bereit bin, seine Frau zu werden, bringen Sie sich damit in eine peinliche Lage. Ich werde ihn nicht heiraten, und wenn Sie mich zwingen wollen, weigere ich mich vor dem Altar.“

      „Weigern willst du dich?“ bellte Sir Hector. „Du lehnst einen Antrag ab, nach dem sich jedes anständige Mädchen alle zehn Finger abschlecken würde? Du wirst mir gehorchen. Glaubst du vielleicht, ich will vor einem meiner besten Freunde wie ein Idiot dastehen? Dazu kommt, daß die Heiratsanzeige bereits übermorgen in der ,Gazette* und der ,Morning Post’ erscheint.“

      „Meinetwegen kann sie vom Stadtschreier ausgerufen werden“, sagte Melinda trotzig. „Ich werde Colonel Gillingham nicht heiraten. Ich hasse ihn. Sie können tun, was Sie wollen, ich heirate ihn nicht.“

      „Das werden wir noch sehen“, sagte Sir Hector drohend.

      Er hatte sich mittlerweile in einen seiner Wutanfälle hineingesteigert, die alle Dienstboten und sogar Lady Margaret fürchteten. Sein Gesicht war krebsrot, die buschigen Augenbrauen stießen fast zusammen, sein Mund war bösartig verzerrt.

      „Du wirst mir gehorchen!“ schrie er. „Mir widerspricht niemand, am allerwenigsten du, ein mittelloses, undankbares Ding, das ich in mein Haus aufgenommen habe. Du heiratest ihn!“

      „Ich heirate ihn nicht. Ich heirate keinen Mann, den ich nicht liebe!“ Auch Melinda hatte jetzt die Stimme erhoben.

      Und damit verlor Sir Hector jegliche Selbstbeherrschung. Er riß die Reitpeitsche von seinem Schreibtisch und zog sie Melinda mit solcher Kraft über die Schulter, daß das junge Mädchen fast zusammenbrach.

      „Ich heirate ihn nicht!“ schrie Melinda und verbarg das Gesicht in der Beuge des rechten Armes.

      Halb wahnsinnig

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