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      »Die Tochter eines seiner Beamten. Ich habe sie in mein Haus aufgenommen, um sie vor ihm zu schützen.«

      »Laß sie unter ihr Dach zurückkehren, und das übrige geht ihn an!«

      Die ältliche Dame antwortete nicht, sondern legte sich tief in ihre Kanapeecke zurück.

      »Ist sie sehr hübsch?« fragte der Capitaine des chasses.

      »Mehr als das – sie ist schön!« »Und sonst?«

      »Sanft und harmlos, ein Wesen, das jedem Teilnahme einflößt; meinem Manne ist sie unentbehrlich geworden, und jedenfalls...«

      Sie endete nicht, und der Mann ihr gegenüber fiel ein: »Ich errate, was du sagen willst: jedenfalls zu gut, des Tollen Beute zu werden. Nun, es braucht ja auch nicht dahin zu kommen. Hast du sie in diese Gefahr gestürzt, um deine Verwendung für mich zum Ziele zu führen und mir die Stellung zu verschaffen, die ich begehre – dann werden sich schon Mittel ausfindig machen lassen, sie vor ihm zu retten. Die Sache wird nun einmal nicht anders zu machen sein; ohne daß du ihm solch einen Gefallen erzeigst, wird er freilich schwer darauf eingehen, etwas für mich, deinen Schützling, zu tun.«

      »Das ist leider nur zu wahr,« versetzte die Dame nach einer kleinen Pause, »und da auch ich fürchte, daß das junge Mädchen, wenn sie länger in meinem Hause bleibt, meinem Neffen Franz den Kopf verrückt, der ihr schon viel zu tief in die Augen geblickt zu haben scheint ...«

      »Nun, dann besinne dich nicht lange!« fiel der Mann lebhaft ein.

      Indem er diese Worte sprach, öffnete sich lautlos eine Tür im Hintergründe des Raumes, und ein düster blickender Mann in schwarzem Kleide, mit kleiner gepuderter Perücke trat ein, der mit gemessenen Schritten hinter den Sitz der Dame trat und ihr einige Worte zuflüsterte.

      »Mein Wagen erwartet mich jetzt,« sagte diese darauf, zu dem Manne in Jagduniform gewendet.

      »Soviel ich weiß, haben wir alles, was wir uns zu sagen hatten, gesagt und abgesprochen«, versetzte der Mann ihr gegenüber. »Nach drei Wochen etwa...«

      Die Dame unterbrach ihn hier, denn sie wandte ihre Aufmerksamkeit einem vierten Wesen zu, welches sich seit einigen Augenblicken in dem Gemache anwesend gezeigt hatte.

      Dieses Wesen war eine schöne, große Dogge mit langem zottigen Haar, der Gestalt nach an die Hunde vom St. Bernhard erinnernd, aber größer und schwerer. Auch war ihre Farbe eine andere als die jener berühmten vierfüßigen Philanthropen; der Hund war ganz weiß, bis auf einen schwarzen Flecken auf dem Oberkopf.

      Das Tier hatte bis jetzt unter dem runden Tische gelegen, an dem die Sprechenden saßen; bei dem Eintritt des schwarzgekleideten Mannes, der offenbar ein Diener war, hatte es sich erhoben, war dem letzteren entgegengekommen und hatte, wie um ihn zu begrüßen, seine Hand beleckt. Während der letzten Worte des Herrn und der Dame am Kamin hatte es sich gähnend gereckt, dann eine Runde durch das Zimmer zu machen begonnen, aber plötzlich stillstehend, hatte es seinen Kopf erhoben, das kleine Guckfenster, hinter welchem die Lauscher standen, ins Auge gefaßt, und jetzt, indem es sein Rückenhaar sträubte, stieß es ein dumpfes Knurren aus.

      Jungfer Traud sowohl wie Hubert waren bei dieser feindlichen Demonstration mit den Köpfen zurückgefahren.

      »Machen wir, daß wir fortkommen!« flüsterte der Student hastig in das Ohr seiner Begleiterin.

      Traudchen bedurfte dieser Aufforderung nicht. Aber vielleicht führte sie dieselbe zu eilig, mit zu wenig Vorsicht jedes Geräusch zu vermeiden, aus. Denn wahrend sie die nächsten Stufen hinabeilte und Hubert langsamer und gefaßter, dafür auch geräuschloser, ihr folgte, ließ drinnen der Hund ein paarmal ein tiefes, dumpftönendes Gebell hören.

      Als Hubert, der die Stufen jetzt dem trotz Nacht und Dunkelheit förmlich hinabfliegenden Traudchen nach – die Laterne hatte der Student unter seinem Mantel geborgen gehalten – als Hubert an der obersten, der verschlossenen Bogentür, die aus dem Stiegenturm ins Innere des alten Hauses führte, vorüberkam, hörte er drinnen das Auftreten rascher Schritte. Als er ein Stockwerk tiefer den Absatz erreicht hatte, wo die andere, untere Bogenführung ins Innere führte, vernahm er, wie in der Höhe über ihm die verschlossene Tür entriegelt wurde und aufflog – gleich darauf hörte er den Hund hinter sich her die Stiegen herabgeschossen kommen.

      Hubert Bender war ein mutiger junger Mann – es war jedoch sehr natürlich daß in diesem Augenblick etwas wie Schrecken und Angst ihn überkamen. Doch verlor er die Geistesgegenwart nicht; er hoffte, daß er den untern Kellerraum werde erreichen und dessen Tür hinter sich werde zuschlagen können, bevor ihn seine Verfolger eingeholt hatten; und für den Fall, daß dies nicht gelang, wickelte er im Hinunterstürzen einen Zipfel seines Mantels um den linken Arm ... er dachte vielleicht unwillkürlich an Hermann Gryn und die Art, wie er nach der alten kölnischen Sage seinen Löwenkampf bestanden.

      In der Tat gelang es ihm, bevor er eingeholt war, die Tür, die in das Kellergelaß führte, und durch welche Traudchen sich eben vor ihm gerettet hatte, zu erreichen; in dem Augenblicke jedoch, wo er über die Schwelle schritt, schoß der Hund dicht neben ihm her, ebenfalls in diesen Raum hinab, wandte sich dann mit Blitzesschnelle und stürzte sich zähnefletschend auf den Studenten, indem er ihm die Vordertatzen auf die Brust setzte und seine Zähne in den Hals des jungen Mannes schlug. Der Überfall war so heftig und unerwartet, daß Hubert rücklings zu Boden fiel und mit dem Kopfe auf die unterste der steinernen Stufen der Wendeltreppe aufschlug, während die Laterne zur Seite geschleudert wurde und erlosch. Das große zornige Tier hielt ihn so gefaßt, daß er an eine Verteidigung nicht denken konnte – eine abwehrende Bewegung hätte ihn in Lebensgefahr gebracht – es hing von der Gnade seines Siegers ab, wie tief er seine Zähne in die Gurgel des unglücklichen jungen Mannes eindrücken wollte. Auch fühlte dieser seine Sinne schwinden, es wirbelte und tanzte ihm vor den Augen – er sah nur noch in plötzlichem hellen Lichtschein ein häßliches, wildblickendes Männergesicht, dem ein Auge fehlte, und über dessen linke Wange eine breite Narbe lief, dicht über seinem eigenen Angesicht; aber es war ihm, als ob dieses fürchterliche Gesicht wie im Kreise sich über ihm bewege, dann, als ob es sich ins Riesige verzerre, und darauf zerfloß es wie ein Bild im Traume; und nun schlossen sich zugleich des unglücklichen Studenten Augen, und er sah nichts mehr.

      Unterdessen war Traudchen, über alle die Gegenstände, welche den Kellerraum erfüllten, fortstolpernd, ein paarmal in die Knie stürzend, und dann wieder in ihrer Angst jäh sich aufraffend, war Traudchen, sagen wir, glücklich aus dem Turm heraus und in den Hof gekommen. Sie flog über den Hofraum fort, um das alte Haus herum, über den zweiten größern Hof, unter den Torbogen des Vorbaues und hier die zwei Stufen hinauf, welche in ihre Wohnung führten. Erst als sie hier angekommen war und die Tür ihrer Wohnung aufgeworfen hatte, wagte sie es, tief Atem holend, sich umzusehen nach ihrem Fluchtgefährten. Sie erblickte ihn nicht – sie wartete eine Minute – zwei – der Student kam nicht. Traudchen fühlte jetzt all ihre Angst zurückkehren. Weshalb kam er nicht – war ihm ein Leids geschehen, hatte man ihn ergriffen, hielt man ihn zurück ...? Traudchen war ein zu entschlossenes Mädchen, um diese Fragen auf sich einstürmen zu lassen und dabei müßig stehen zu bleiben. Sie schritt zurück – leise und unhörbar schlich sie den Weg, den sie gekommen war, um das Haus, wieder auf den dahinterliegenden Hof. Sie hörte nichts – aber sie sah einen Lichtschimmer fallen aus einem der Fenster im obern Teile des Treppenturmes. Als sie den Fuß dieses Treppenturmes erreicht hatte, stand sie lauschend still. Dann rief sie leise: »Bender! Hubert – wo sind Sie?«

      Kein Laut kam zur Antwort.

      Die äußere Tür, welche in den Turm führte, stand offen, so wie eben, als Traudchen hindurch geflohen war. Wahrzunehmen war in der Dunkelheit des Kellergelasses nichts.

      Traudchens Angst verdoppelte sich. Ohne sich jetzt viel darum zu kümmern, ob sie Geräusch mache oder nicht, eilte sie abermals in ihre Wohnung zurück, um sich ein Licht zu holen. Was schadete es jetzt, wenn man sie wahrnahm! Sie konnte die Unwissende spielen und sagen, sie habe ein Geräusch gehört und wolle nachsehen, wie es entstanden. Mit einem flackernden Öllicht – die Laterne hatte ja der Student an sich behalten

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