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die, nur bei der geringsten Fahrlässigkeit, Schiff und Mannschaft zu Grunde richten konnten.

      An dem allen gingen wir aber rasch und sicher vorüber und Morgens um 2 Uhr sahen wir uns der Außenrhede von Buenos Ayres, die wir aber natürlich nur an den dort vor Anker liegenden Schiffen erkennen konnten, gerade gegenüber. Die Fluth, von dem Südosten verstärkt, hatte uns dermaßen begünstigt, daß wir zwei Stunden eher nach Buenos Ayres kamen, ehe es der Lootse, der uns noch viel weiter zurück glaubte, erwartet hatte, und wir konnten von Glück sagen, daß uns der Irrthum desselben nicht irgendwo auf den Sand setzte.

      Wie es war hielten wir rasch ein paar Strich höher, nahmen die leichten Segel nieder, braßten die andern etwas mehr an, und liefen mitten zwischen die Schiffe hinein, unter denen wir, am ersten günstigen Platz angekommen – den Anker in die Tiefe rollen ließen.

      4. Buenos Ayres und seine Umgebung

      Die Rhede von Buenos Ayres ist nichts weniger als günstig gelegen, denn auf der inneren können nur kleine Fahrzeuge, die nicht tiefer als acht Fuß gehen, ankern, während die äußere wenigstens vier englische Meilen vom Lande entfernt liegt und bei einem starken Südoster – wie wir ihn gerade unglücklicher Weise hatten, die Fahrzeuge fast ebensogut in offener See bleiben könnten. Eine andere Unannehmlichkeit ist die, daß bei einem solchen Wind die See ebenfalls gegen das flache felsige Ufer steht, und durch ihr Branden den Booten großentheils das Landen unmöglich macht – ja zu nur etwas tief gehenden Booten müssen selbst bei ruhigem Wetter besonders dazu gehaltene Karren hinausfahren, Mannschaft oder Ladung in Empfang zu nehmen.

      Einen vollen Tag lagen wir solcher Art auf der Rhede, mit der Stadt in der Ferne vor uns, ohne an Land zu können, und am zweiten Tag wehte es noch ebenso stark. Der Capitän, dem bange war, daß sein Salz im Preise fallen würde (was auch wirklich an demselben Morgen geschah, denn am vorigen Tag hätte er noch eine vortreffliche Fracht gemacht) wollte sich aber nun unter keiner Bedingung länger zurückhalten lassen, während der Lootse, der sich bei einer von mir aus Rio mitgenommenen und noch wenig angesprochenen Flasche Absynth bene that, erklärte, der Capitän könne, wenn ihm das Spaß mache, in solcher See an Land fahren, er selber bliebe aber an Bord. Ich hielt mich natürlich zum Capitän, denn ich hatte das an Bord herumgeworfen werden herzlich satt bekommen. Unser kleiner Schooner schaukelte nämlich, selbst auf der Rhede, noch so stark, daß wir ein Segel aufsetzen mußten, das Fahrzeug nur in etwas auf der Seite zu halten, und selbst das wollte nichts helfen.

      Als der Lootse übrigens sah, daß wir wirklich Ernst machten, schämte er sich allein zurückzubleiben; das große Boot war indessen ausgesetzt, die Sachen hinein gelassen, der kleine Mast aufgestellt, und von günstigem Winde getrieben, schoßen wir in unserem kleinen Fahrzeug pfeilschnell über die aufgeregte schäumende See des gewaltigen Stromes, der Haupt- und Residenzstadt der argentinischen Republik, Buenos Ayres, entgegen.

      Im Anfang war ich ziemlich darauf gefaßt gewesen, durch die Spritzwellen, vielleicht gar durch eine übergehende See ordentlich durchnäßt zu werden, wider Erwarten kamen wir aber glücklich und selbst ziemlich trocken an Land.

      Der Wind hatte ebenfalls in der letzten Stunde bedeutend abgenommen, die Brandung am Ufer ließ nach und der Steuernde wußte eine Welle so trefflich zu benutzen daß sie uns, mitten zwischen ein paar flache Felsplatten hinein, an eine Stelle an’s Ufer setzte, wo wir geschützt lagen und leicht und verhältnißmäßig trocken an Land kommen konnten – Aber Buenos Ayres selber? —

      Hast du dich, lieber Leser, wohl schon einmal recht lebhaft in die Märchen von Tausend und eine Nacht hinein versetzt, wo ganz plötzlich und unerwartet auf ein einfaches Indiehändeschlagen oder ein anderes höchst unschuldiges Zeichen die wunderlichsten Gestalten und Landschaften aus dem Boden heraufsteigen und den Beschauer überraschen? Hast du das, so wirst du dir einen ungefähren Begriff von dem Eindruck machen können den meine Umgebung, die nun schnell um mich her aufstieg, auf mich hervorbrachte. Die Aussicht auf die Stadt war mir bis dahin nämlich, da ich hinten im Boote gesessen und wir gerade vor dem Wind der Küste entgegen liefen, ganz durch das breite aufgespannte Segel entzogen worden, und jetzt, als dieses fiel, war es als ob ein Vorhang niedergerollt wäre um mich mit vorher sorgfältig berechnetem Effect zu überraschen.

      Vor mir lag, von der Brandung bespült, die schäumend über lose hingestreute flache Felsblöcke hinwegsprang und sprudelte, der Landungsplatz von Buenos Ayres, und das Ufer wimmelte förmlich von abenteuerlichen, phantastischen Gestalten. Finstere, scharfgezeichnete und sonngebräunte Gesichter starrten überall unter schwarzen Hüten und rothen Mützen auf uns hin, und wohin auch das Auge fiel, begegnete ihm grelle, bunte, meist aber zinnoberrothe Farbe. Die Tracht der Männer erhöhte dabei das Pittoreske der Farben. Den Kopf bedeckt meistens eine rothe, stets keck auf einer Seite getragene Mütze. Der Poncho oder Mantel (ein viereckiges Stück Zeug, durch dessen aufgeschlitzte Mitte der Kopf gesteckt wird) fällt in malerischen Falten um den Körper nieder, und ist nur gewöhnlich über dem rechten Arm durch einen Knopf oder Haken in die Höhe gehalten, um jenem freie Bewegung zu gestatten. Die Beine stecken darunter in weißen langbefranzten Unterhosen, zwischen denen wieder ein buntfarbiges Tuch um die Lenden gegürtet ist, die Füße meistens in ungegerbten Kuh- oder Pferdebeinhäuten, auf deren Zubereitung ich später zurückkommen werde. So ausstaffirt hängt der »Gaucho« auf seinem Pferde, und die beiden vorn aus dem Hautstiefel schauenden Zehen in den kleinen schmalen Steigbügel gestützt, die Linke träge auf den hinten am Sattel befestigten Lasso gestemmt, schaut er mit den scharfen dunklen Augen mürrisch auf den »Fremden« hin, wirft sich dann im Sattel herum und sprengt im gestreckten Galopp das Ufer entlang.

      Doch von diesem wird der Blick gar bald zu dem übrigen Treiben der lebendigen Stadt gezogen. Unzählige Boote schießen unter schwellenden Segeln vom Lande, oder zwischen den dort vor Anker liegenden kleinen Fahrzeugen hin; großmächtige zweirädrige Karren fahren überall in dem seichten Uferwasser herum um Ladung und Mannschaft aus den Fahrzeugen zu nehmen, die zu tief im Wasser gehen besonders bei der unruhigen See bis dicht ans Trockne zu laufen. Hier treibt ein brauner, mit zerrissenem Poncho bedeckter Junge eine Heerde rauh genug aussehender Poneys in den Strom, und gerade vor die bald mitten zwischen ihnen hinschießenden Boote hinein, daß die Thiere oft dem rasch dahergleitenden Bug gar nicht mehr so schnell ausweichen können, und nicht selten durch die Wucht des Fahrzeugs umgeworfen werden. Dort stolziren eine Anzahl der wildest und wunderlichst aussehenden Soldaten die mir in meinem ganzen Leben noch vorgekommen sind, ziemlich lässig vor dem Gebäude des Hafencapitäns herum. Gleich daneben singt und jubelt eine Anzahl betrunkener Matrosen, die jenes Kriegsschiff da draußen, von dessen Heck der Pennant flattert, schon vor vier Tagen an Land gelassen hatte, und jetzt, trotz den wiederholten Bitten und Drohungen der Officiere noch nicht wieder an Bord bekommen konnte. Kurz, Menschen und Wogen drängen und treiben durch einander hin, und das Auge wird nicht satt, die neuen Bilder in sich aufzunehmen.

      Kaum weniger interessant ist dabei die wenn auch nicht an Naturschönheiten, doch sonst an manchen Eigentümlichkeiten reiche Scenerie. Das Land, wie überhaupt das ganze Ufer des La Plata, von der Mündung bis hierher ist flach und bietet nur wenige Hügel, ja selbst höchst spärlichen Baumwuchs; die Bauart der Stadt aber, die niedrigen Häuser und flachen Dächer, die vergitterten Fenster und das düstere Roth der Backsteine gibt dem ganzen Platz einen so besondern Anstrich, daß man den ersten Eindruck dieser zusammengedrängten Häusermassen wohl schwerlich vergessen wird.

      Aber auch oben an der Landung haben die nach europäischem Geschmack gekleideten Männer eine Auszeichnung, die besonders dem Fremden rasch ins Auge fällt und seine ganze Aufmerksamkeit erregt. Die grellrothe Farbe spielt selbst in ihrem Anzug eine bedeutende Rolle, und dient dazu sie als Bürger der argentinischen Republik zu bezeichnen. Die Bürger der Republik müssen nämlich den vom Gouverneur Rosas gegebenen Gesetzen nach eine grellrothe Weste – deren Stoff jedoch in ihrem Belieben steht – ein rothes Band um den Hut, und in einem Knopfloch ein langes Band von eben der Farbe tragen, auf dem die Devise der Republik: »Viva la confederacion Argentina – mueran los salvajes, asquerosos inmundos UnitariosEs lebe die Argentinische Republik, es sterben die wilden, schmutzigen, unmündigen Unitarier. mit schwarzen Buchstaben gedruckt ist. Diese Devise findet sich überall – kein Document wird ausgestellt auf dem sie nicht den Anfang macht, kein Paß wird ohne sie visirt, keine Zeitungsannonce fast ohne sie eingerückt,

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