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unsere Mathematik ist eine Erfindung. Keine zufällige, aber eine, die über viele Jahrhunderte hinweg entstanden ist, um unser Begreifen der Welt zu formulieren und zu formalisieren. So wie sich unser Verstehen geändert hat, hat sich auch die Mathematik angepasst. Das beste, aber bei weitem nicht einzige Beispiel ist die Zahl Null. Wir sind bis ungefähr zum sechsten Jahrhundert ohne sie ausgekommen. In Europa ist man ihr mit solcher Skepsis begegnet, dass ihr Gebrauch per Gesetz verboten werden sollte. Heute können wir uns kaum vorstellen, wie wir je ohne sie zurechtgekommen sind, nicht zuletzt, weil es kein Konzept des Digitalen ohne sie gibt und wir mittlerweile so sehr daran gewöhnt sind.

      Unsere Konzepte, die unsere Gesellschaft funktional machen, sind Erzählungen, und das ist nichts Schlechtes. Es bedeutet lediglich, dass wir nun, wo wir neue Narrative brauchen, welche erfinden können, ja sogar müssen. Denn wenn wir es nicht tun, tun es andere, und möglicherweise gefällt uns deren Weltsicht und Gestaltungsvorstellung nicht.

       [SO ETWAS WIE DIE GESELLSCHAFT GIBT ES NICHT.]

      Das soll nicht heißen, dass wir alles vom Tisch fegen und von vorne anfangen müssen. Auch hier liegt Fürsorge im Kern der Angelegenheit. Wenn man seine Wurzeln abschneidet, kann man nicht wachsen. Die Fertigkeit – und die Aufgabe – liegt darin, neue Narrative über die alten zu legen, sie zu umschließen und mitzutragen, um etwas Starkes und Beständiges daraus zu formen. Was wir brauchen, ist eine evolutionäre Lösung, die sich nicht gegen aktuelle Systeme sträubt, sondern in sie hinein- und durch sie hindurchwächst und sie in sich aufnimmt. Wie bereits angedeutet, stellt das Kollektiv eine solche Lösung dar.

      Kollektive begannen in den 1980er-Jahren einen schlechten Ruf zu bekommen, als Margaret Thatcher im Vereinigten Königreich und Ronald Reagan in den USA anfingen, das gesamte globale Wirtschaftssystem zu lenken, und dabei einen freien Markt schaffen wollten, der so unreguliert und individualistisch wie nur möglich war. In einem Interview mit dem Magazin Woman’s Own sagte Margaret Thatcher 1987: »Wer ist die Gesellschaft? So etwas gibt es nicht!« Es ist eines ihrer berühmtesten Zitate und wird oft verkürzt zu: »So etwas wie die Gesellschaft gibt es nicht.«

      Aber so etwas wie die Gesellschaft gibt es eben doch. Genau die Tatsache, dass wir diese Gesellschaft seit Jahrzehnten vernachlässigen und ihre Existenz verneinen, erklärt zum Teil, weshalb wir uns in eine egoistische, entkoppelte, unerfüllte Einstellung versetzt haben. Eine Renaissance des Kollektivs muss kein Grund für Angst sein. Es handelt sich dabei um eine gemeinschaftliche Bemühung und Investition und nicht um etwas, das man unfähigen Amateuren überlässt, die es vermasseln, oder inkompetenten Regierungen. Ihr als Kollektiv wählt und setzt Professionelle, Experten und Organisationen ein, um es zu verwalten.

      Die Frage danach, wer die operationalen Aspekte unserer Leben bestimmt, ist äußerst wichtig. Wenn du zum Beispiel einen Gefängnisbetrieb mit Profitausrichtung betreibst, wie es in vielen Teilen der USA der Fall ist, was tust du dann? Du machst es zum Primärinteresse der Gefängnisse, so viele Insassen wie möglich zu haben. Du hast ein System an der Hand, das sich mit Kriminellen füttert, denn wenn keine Kriminellen mehr ins Gefängnis geschickt werden, dann verringert sich der Umsatz des Unternehmens, und seine Daseinsberechtigung schwindet. Für die Firma und ihre Teilhaber ist das eine Katastrophe. Für die Gesellschaft als Ganzes wäre es wunderbar: Es wäre für sie das Ziel, keine Gefangenen zu haben, weil es keine Kriminellen gibt, die einen überfallen, auf einen schießen oder mit dem Messer angreifen, deinen Vater ermorden oder deine Tochter vergewaltigen. Die Interessen aller stehen in direktem Konflikt mit den Interessen derer, denen du die Verantwortung für den Betrieb der Gefängnisse übertragen hast. Was einer von vielen Gründen ist, warum staatlich betriebene Justizsysteme in Nordeuropa tendenziell eine extrem niedrige Rate an Wiederholungsstraftaten und eine hohe Erfolgsrate bei der gesellschaftlichen Reintegration aufweisen, während US-Gefängnisse bei beiden Aspekten katastrophal schlecht dastehen.

      Das soll absolut nicht bedeuten, dass sich alles in staatlichem Besitz befinden oder öffentlich verwaltet werden sollte, um im Interesse der Gesellschaft zu funktionieren. Das ist in vielen Bereichen ganz klar nicht der Fall. Zum Beispiel schlägt niemand ernsthaft vor, dass Taxiunternehmen von der Gemeinde betrieben werden sollten. Die meisten würden jedoch zustimmen, dass sie durchaus reguliert werden sollten. Und wenn das nicht funktioniert und man auf unfreundliche und kundenfeindliche Taxifahrer stößt, dann ist ein Disruptor unter Umständen genau das, was gebraucht wird, um eine ausgeglichenere Situation zu schaffen.

       [EIN ÖKONOMISCHES GLEICHGEWICHT IST KEIN TOTER TÜMPEL.]

      Wirtschaftliches Gleichgewicht ist kein toter Tümpel. Es ist immer noch eine dynamische Flüssigkeit, aber eine, die nicht das Tal vergiftet, durch das sie fließt, und in der Leute nicht ertrinken oder davongeschwemmt werden. Was bedeutet: Wettbewerb ist keine schlechte Sache, und der Markt hat durchaus seinen Platz. Aber ob im traditionellen Umfeld oder im Raum der Disruption: Unsere ethischen Prinzipien und Standards müssen erhalten bleiben. Und das bedeutet, wir müssen klar ausdrücken, was unsere ethischen Prinzipien und Standards sind. Denn es gibt keine Bevölkerung auf dem Planeten, die langfristig gedeiht, wenn Teile von ihr ständig benachteiligt und ausgebeutet werden. Oder ein Teil erheblich und exzessiv überprivilegiert ist. Bei uns ist aktuell beides der Fall. Also brauchen wir neue Ideen.

      Sobald man über Geld und Wohlstand und die extrem privilegierten und die systematisch Ausgebeuteten redet, kommt der Begriff »Wohlstandsverteilung« ins Spiel. Darum geht es hier jedoch nicht. Denn »Wohlstandsverteilung« denkt noch im alten System. Was wir brauchen, sind völlig neue Muster, die neue Arten von Wohlstand erzeugen und der Gesellschaft von Anfang an erlauben, davon zu profitieren.

      SolarCoin ist ein Beispiel für die Art Denken, die wir meinen. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die 2014 als offenes Gemeinschaftsprojekt begann, um Leute anzuspornen, Solarenergie mit ihren eigenen Dach- oder Gartenanlagen zu produzieren. Wer teilnimmt, wird in einer festgelegten Kryptowährung entlohnt, die man gegen gewöhnliches Geld tauschen kann. Dieses Modell funktioniert Hand in Hand und auch unabhängig von sonstigen Einspeisungstarifen, die man für seinen nicht verbrauchten Strom erhält. An dieser Art Modell kann man mit relativ geringer Investition teilnehmen, es wird nicht von der Regierung kontrolliert, schöpft keine Profite für große Konzerne ab und existiert zur Bereicherung der Teilnehmer wie auch für den Planeten im Ganzen. Es ist gesund. Ob es mittel- oder langfristig Erfolg hat oder nicht, wird sich zeigen. Aber es ist eine Idee, die Aufmerksamkeit verdient.

      LIEBE

      Nachdem wir nun schon über »Fürsorge« im Zusammenhang mit Wirtschaft geschrieben haben, sollte es dich nicht allzu sehr überraschen, wenn wir nun noch das Thema »Emotion« anschneiden. Immer noch lassen sich Leute, vor allem in der Geschäftswelt, aufschrecken, wenn von Menschen als emotionalen Wesen auch im Rahmen der Wirtschaft gesprochen wird.

       [UNSER UNTERBEWUSSTSEIN IST 1 000 000-MAL SCHNELLER ALS UNSER BEWUSSTSEIN.]

      Die Neurowissenschaft kann das Verhältnis, in dem unser Unterbewusstsein im Vergleich zu unserem Bewusstsein Informationen verarbeitet, messen. Das Bewusstsein ist verantwortlich für rationales Denken, das wir für Entscheidungsprozesse nutzen. Der Intellekt erhält von uns absolute Priorität, wenn es um Kommerz, Geld, Fakten und Geschäfte geht. Er hat eine Kapazität von etwa 40 Bits pro Sekunde. Die Netzwerkgeschwindigkeit des Internet Service Provider (ISP), mit dem der Computer verbunden ist, auf dem dieser Satz geschrieben wurde, zeigt eine Downloadgeschwindigkeit von 109,52 Megabit pro Sekunde. Das ist 2 500 000-mal die Geschwindigkeit des Gehirns.

      Glücklicherweise ist unser Unterbewusstsein 1 000 000-mal schneller als unser Bewusstsein und kommt auf 40 000 000 Bits pro Sekunde. Es ist immer noch nicht ganz so schnell wie eine vernünftige Internetverbindung, hat aber eine Geschwindigkeit, mit der sich arbeiten lässt. Und es erklärt, warum 95 bis 99 Prozent unserer Gedanken und Emotionen und der daraus abgeleiteten Handlungen nicht von unserem Bewusstsein, sondern unserem Unterbewusstsein reguliert werden. Als gesunde Menschen, die sich um sich selbst wie auch um andere kümmern wollen, müssen wir uns bewusst sein, was in und um uns herum passiert – nicht nur auf, sondern vor allem auch unter dem Radar. Wir müssen, wie man sagt, bewusst und achtsam handeln.

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