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gefunden hat, ist Nebensache.

      STUDENT: Darf ich eine Frage stellen, die ich schon immer einmal stellen wollte?

      SOKRATES: Ich habe mich zu meinen Lebzeiten dagegen gestellt, dass man Antworten von mir haben wollte und es vorgezogen, zu fragen. Es wäre mir lieber, wenn Sie zuerst Behauptungen aufstellen. Ich werde versuchen, dann die dazu passende Frage zu stellen. Da Sie ja Kommunikationswissenschaften studieren, dürfte Ihnen das nicht schwer fallen, eine Antwort zu geben, ehe die Frage gestellt worden ist.

      STUDENT: Gut, dann antworte ich. - Sie haben den kühnen und unüberlegten Ausspruch getan: "Ich weiß, dass ich nichts weiß".

      SOKRATES: Kann man das, was man gesehen, gehört oder sich angelesen hat, Wissen nennen? Kann einer mehr als nichts wissen?

      STUDENT: Nichts, ich bitte Sie, das ist eine Übertreibung. Wenn Sie wenigstens von einem begrenzten Wissen gesprochen hätten! Sie leugnen damit, dass die Wissenschaft unseren Erkenntnishorizont erweitert hat.

      SOKRATES: Wie kann man nur so schnell und unbedacht schlussfolgern?

      STUDENT: Sie werden doch nicht in Abrede stellen, dass wir den Wissenschaften eine Fülle von Erkenntnissen verdanken.

      SOKRATES: Am Anfang aller Erkenntnis steht der Zweifel. Ist nicht alles Wissen bruchstückhaft? STUDENT: Mit der Behauptung, dass man am Ende doch nichts wissen kann, nimmt man dem Forscher das Motiv, zu forschen.

      SOKRATES: Im Gegenteil, im Gegenteil! Wer forscht noch, wenn er glaubt, er habe die Antwort schon gefunden.

      STUDENT: Die Informationen, die uns die Medien vermitteln, sind also in ihren Augen überflüssig.

      SOKRATES: Kann man von Wissen sprechen, wenn man weiß, dass in einem Land der Erde ein Regierungschef die Absicht hat, zurückzutreten, das Wirtschaftswachstum um einige Prozente steigt oder in der nächsten Woche mit einem Temperaturanstieg zu rechnen ist?

      STUDENT: Ihre Auffassung vom Philosophieren war immer eigenwillig. Schon Ihre Zeitgenossen nahmen daran Anstoß, dass Sie auf Straßen und Plätzen lehrten und Philosophie wie eine Ware öffentlich feilgeboten haben.

      SOKRATES: Ist es nicht merkwürdig, dass man überall nur die materiellen und nicht auch die geistigen Güter anbietet?

      STUDENT: Der Markt unterliegt nun einmal dem Gesetz von Nachfrage und Angebot.

      SOKRATES: Geht die Nachfrage dem Angebot wirklich voraus? Wer wird gefragt: der Markt oder der Mensch?

      STUDENT: Sie gelten als der Erfinder der Ironie...

      SOKRATES: Was haben Sie gesagt? Langsam, langsam! Was ist ein Erfinder? Einer, der das noch nie Dagewesene findet, oder nur etwas aufhebt, woran die Leute achtlos vorübergehen, was aber schon immer dagelegen hat?

      STUDENT: Aber vor Ihnen wusste niemand etwas mit Ironie anzufangen.

      SOKRATES: Was ist Ironie? Wenn man das, was lächerlich ist, nicht ernst nimmt?

      STUDENT: Sie haben die Fragekunst perfektioniert. Man müsste Sie eigentlich den Vater der Interview-Technik nennen.

      SOKRATES: Wie sagten Sie: Vater der Interview-Technik? *Er lacht

      STUDENT: Sie nannten doch Ihre Fragetechnik Hebammenkunst.

      SOKRATES: Ich sprach von Kunst, Sie reden von Technik. Verstehen Sie wirklich nicht, worin der Unterschied zwischen fragen und interviewen besteht?

      STUDENT: Der Unterschied? Ich habe dafür nur einen modernen Begriff eingesetzt.

      SOKRATES: Ich habe etwas gegen falsch gestellte Fragen, gegen Fragen, mit denen man die Wahrheit zudeckt oder sich mit dem befasst, was nicht wert ist, gewusst zu werden.

      STUDENT: Und was ist wert, gewusst zu werden?

      SOKRATES: Sehr gut! Ausgezeichnet. Sie haben endlich eine gute und endlich einmal eine wichtige Frage gestellt. Es war eine schwere Geburt. Aber sie ist doch gelungen.

      STUDENT: Sie meinen, weil ich frage: "Was ist wert, gewusst zu werden?"

      SOKRATES: So ist es. Was ist wert, gewusst zu werden?

      STUDENT: Und Sie wollen darauf nicht antworten?

      SOKRATES: Nein, ich will es nicht. Antworten kann jeder, fragen nicht.

      LESSING

      LESSING: *Mit einem Manuskript. Er stellt sich einem Regisseur vor: Gottfried Ephraim Lessing... Ich dachte, es wäre an der Zeit...

      REGISSEUR: ... Ihren Nathan aufzuführen?

      LESSING: In einer Zeit, in der die Religionen einander näher rücken. In einer Zeit, die den Wert des Dialoges wieder entdeckt.

      REGISSEUR: Das mit diesem Nathan ist ja eine ganz hübsche Idee. Aber diese Dialoge. Ehrlich gesagt: Ich habe mich gelangweilt und könnte mir denken, dass es den Zuschauern ebenso ergeht.

      LESSING: Die Barrieren zwischen den Religionen bestehen noch. Oder?

      REGISSEUR: Haben Sie das noch nicht mitbekommen, die Leute sind inzwischen so emanzipiert, dass sie sich aus den verschiedenen Religionen das holen, was ihnen gefällt.

      LESSING: Sie mixen sich aus den verschiedenen Religionen ihre eigene Weltreligion zusammen?

      REGISSEUR: Bald wird es so weit sein.

      LESSING: Bald. – Wenn jeder seine Weltreligion erfunden und seinen Gott erschaffen hat, dann wird der Dialog unmöglich.

      REGISSEUR: *Gibt Manuskript zurück: Herr Lessing, Sie haben doch den Anschluss an unsere Zeit verpasst. Sie sollten Ihr Stück umschreiben.

      FRIEDRICH NIETZSCHE

      DARWINIST: Ich bin nicht wenig überrascht, dass Sie noch immer so aussehen, wie Sie auf allen Bildern abgebildet sind, mit finsterer..., ich meine, mit nachdenklicher Miene.

      NIETZSCHE: Ich habe nie verstehen können, worüber und weshalb sich ein Mensch freut.

      DARWINIST: Sie hatten damals schon, als Sie noch hier waren, etwas Außergewöhnliches an sich.

      NIETZSCHE: etwas Geniales. Genie und Wahn liegen nun einmal nahe beieinander.

      DARWINIST: Die Gebildeten waren von Ihren Gedanken immer fasziniert.

      NIETZSCHE: Sie können sich auch von dem, was sie nicht verstehen, faszinieren lassen.

      DARWINIST: Ist Ihnen nicht ein Fehler unterlaufen, als Sie eines Ihrer Werke „fröhliche Wissenschaften“ nannten? Seit wann sind die Wissenschaften fröhlich?

      NIETZSCHE: Gewiss, diese Bezeichnung mag nicht ganz zutreffend sein. Aber ich wollte das Wort ‚traurig‘ vermeiden.

      DARWINIST: Beim Lesen Ihrer Schriften fällt mir das Pathos auf, mit dem Sie schreiben.

      NIETZSCHE: Ich hatte ja auch etwas zu verkünden.

      DARWINIST: Ihr Stil erinnert an den Ton, mit dem so viele Prediger ihren Hörern auf die Nerven gehen.

      NIETZSCHE: Vergessen Sie nicht, dass

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