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lässt.«

      Da Henrietta Droydon-Jones ihren Witwenstand lieber auf Reisen als bei High Tea und Dinnerparties in England zu verbringen pflegte, riefen ihre über mehrere Kontinente verstreuten Bekanntschaften weder bei Auguste noch bei ihrem Vater Erstaunen oder gar Ehrfurcht hervor.

      »Wer sich wie dein Sultan mit preußischen Orden schmückt, sollte ein solides deutsches Kanapee nicht mit Verachtung strafen!«, rief Julius Fuchs von nebenan. Die Tür zu seinem Privatkontor stand offen, und er hatte Henriettas vernichtende Kritik durchaus gehört.

      »Julius! Ich bitte dich!« Henrietta ließ sich zur Freude ihres Schwagers wunderbar leicht provozieren. »Dieses Ungetüm sieht einfach grässlich aus, und zwar egal, ob es in Berlin, Sansibar oder am Nanga Parbat steht!«

      »Teuerste, bitte unterschätz in deinem Eifer nicht die praktische Seite! Das Ungetüm erweist sich bei Familienfotos als äußerst nützlich! Schließlich passen neben Vater und Mutter noch mindestens drei bis vier Kinder drauf.«

      »Papa, so wie ich diesen Weinfurth kenne, können wir nur inständig hoffen, dass in seinen schwülstigen Tableaus erst gar keine Kinder vorkommen!«, versetzte Auguste, und die beiden Frauen rauschten mit wehenden Röcken die Wendeltreppe hinunter, um eine Etage tiefer alles an Teppichen, Decken und Kissen zusammenzuraffen, was auch nur ansatzweise dazu geeignet war, das preußisch-bürgerliche Interieur des Ateliers in das eines üppig ausstaffierten ägyptischen Harems umzuwandeln.

      Julius Fuchs beschloss, das Terrain bis auf Weiteres den Damen zu überlassen. Er hatte Weinfurths Großauftrag zwar erst nach längerem Zögern seiner Tochter überlassen, aber jetzt war er froh, sich für den Rest des Tages ins Parterre zurückziehen zu können: Als Absolvent der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule zu Breslau empfand er Weinfurths pseudo-orientalische Bilder als ästhetische Zumutung. »Grässlich, das Ganze«, brummte er, als er den Fahrstuhl betrat, »aber wir können uns unsere Kundschaft nun mal leider nicht backen.«

      »So isses«, der Liftboy nickte, »und der Rubel muss ja nu rollen, nich?«

      »Du sagst es, Luis! Und dem ollen Weinfurth sitzt der Rubel scheinbar ganz besonders locker.«

      Tatsächlich zahlte der Impresario ein üppiges Tageshonorar, und die Aufnahmen würden deutlich mehr als einen Tag in Anspruch nehmen. Weinfurth belieferte nebenbei auch noch etliche Postkartenhersteller und Verlage, die Stereofotografien angeblich authentischer »Bilder aus dem Orient« unters Volk brachten. Mittlerweile besaß so gut wie jeder Haushalt einen sogenannten »Betrachter«, der zwei nebeneinanderliegende Bilder dreidimensional und somit – wie es in den Reklameanzeigen hieß – »einmalig lebensecht« erscheinen ließ.

      »Is’ nix escht dran, aber jehen weg wie warme Semmeln, die Dinger!«, hatte Weinfurth bei der Auftragsvergabe geprahlt, und Julius Fuchs hatte das zu veranschlagende Honorar daraufhin stillschweigend um ein hübsches Sümmchen nach oben korrigiert.

      Als Juppi Weinfurth im Atelier erschien, hatten die beiden Frauen die griechische Pappmaché-Säule mit einer seidenen Tagesdecke umhüllt, und der Hintergrundprospekt – »Wanderweg mit Bach und Birke« – war mittels mehrerer ausrangierter roter Samtportieren zur Haremskulisse mutiert.

      Der Schausteller klatschte begeistert in die Hände. »Fabelhaft, meine Damen! Einfach überwältijend!«

      Während Lina Kröschke, die Theaterfriseuse aus dem Wintergarten, gemeinsam mit ihrem ebenfalls dort ausgeliehenen Garderobenhelfer in Julius Fuchs’ Privatkontor verschwand, um Schminke und Kostüme herzurichten, schleppten zwei Bühnenarbeiter einen riesigen, sechsflügeligen Paravent und ein ganzes Arsenal an Kleinmöbeln und Requisiten heran.

      Sie verwandelten das Rosenblütenkanapee mithilfe des von Weinfurth so großspurig angekündigten Tigerfells in einen exotischen Diwan und rahmten diesen mit einem Sammelsurium von Speeren und Schilden ein.

      »Massai-Waffen in ’nem ägyptischen Harem?« Tante Hattie zog eine undamenhafte Grimasse. »Das ist ja wie … Stachelbeertorte mit Senf.«

      Doch bevor sie sich weiter über den wüsten Mischmasch aus einheimischen und fremdländischen Accessoires mokieren konnte, klingelte es. Kurz darauf erschienen zwei dunkelhaarige junge Frauen – offenbar Schwestern – im Atelier. Bei näherem Hinsehen erkannte Auguste in ihnen die beiden »Haremssklavinnen« vom Vorabend. Sie hatten sich dem Anlass entsprechend nach Kräften herausgeputzt, die abgewetzten Stiefelspitzen und fadenscheinigen Wolljacken verrieten jedoch ihre mehr als bescheidenen Lebensumstände. Die beiden waren kreidebleich, hatten die Hände ineinander verschränkt und kicherten nervös. Offenbar hatten sie all ihren Mut zusammengenommen und zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fahrstuhl benutzt.

      Weinfurth warf sich mit der Grandezza eines Zirkusdirektors in die Brust und stellte die beiden vor: »Die Fräuleins Hanna und Jenny Runtschen. Im Zivilberuf Reinemachfrauen drüben im Winterjarten!« Er tätschelte der jüngeren der beiden vertraulich die Wange und legte Hanna, der älteren, den Arm um die Taille. »Bisschen blass um die Nase, ihr zwei! Aber mit ›Leichners Negerbraun‹ kriegt unsere Lina euch schon auf ägyptische Tempelhure jetrimmt!«

      Hanna Runtschen versteinerte unter Weinfurths Berührung; ihrer Miene war nur allzu deutlich anzusehen, dass ihr die plumpe Vertraulichkeit des Schaustellers mächtig gegen den Strich ging.

      »Hanna? Jenny?« Lina Kröschke steckte den Kopf zur Tür herein und stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. »Was ist? Ich warte!«

      Hanna Runtschen wand sich aus Weinfurths Umklammerung und huschte, ihre jüngere Schwester an der Hand hinter sich herziehend, in den Nebenraum.

      »Also dann, nichts wie ran, meine Damen!«, schickte Weinfurth den beiden hinterher, »nur keine Müdischkeit vorschützen!«

      »Tz! Muss der denen an die Taille grabschen? Vielleicht sollten wir ihm sagen, dass die die Haremssklavinnen nur spielen?«, wisperte Auguste ihrer Tante zu.

      »Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren …«

      »Wilhelm Busch?«

      »Nö. Goethe.«

      Als kurz nach den beiden Runtschen-Schwestern drei junge Afrikaner eintrafen, klatschte Weinfurth begeistert in die Hände. »Also doch einer mehr! Da hätt’ ich den Burschen vom Central-Hotel ja gar nich jebraucht! Aber, na jut, Negersklaven kann man nie jenuch haben, oder?«

      Niemand lachte. Weinfurth hielt es offenbar nicht für nötig, die Neuankömmlinge vorzustellen: Die Männer grüßten die Damen mit einer höflichen Verbeugung und verschwanden ohne ein Wort hinter dem Paravent, der zum Umkleiden der männlichen Darsteller aufgestellt worden war.

      »Ach?« Auguste stemmte kampflustig die Hände in die Hüften. »Haben die Herren keine Namen?«

      »Owambo, Kawumba oder wat weiß isch?« Weinfurth grinste. »Sind Schauneger, von der Kolonialausstellung ausjeliehen. Zwei davon kennen Se ja von jestern Abend. Den dritten kenn ich nich. Der is wohl für sein’ Kumpel einjesprungen. Hat nit mitgekriegt, dat ich schon ’nen Ersatzneger hab für den, wo isch sons immer hatte. Der hat ja jestern Abend unerwartet dat Zeitlische jesegnet.« Er zuckte mit den Schultern. »Dünnpfiff oder Lungenentzündung oder wat auch immer. Hat wahrscheinlisch die Berliner Luft nit vertragen.«

      Auguste und Henrietta wechselten einen raschen Blick, doch bevor eine der beiden Weinfurths Geschwätz etwas entgegensetzen konnte, betrat eine weitere junge Frau den Raum, begleitet von einem schwarzen Pagen im Livree des Central-Hotels.

      »Meine Teuerste! Willkommen.« Weinfurth katzbuckelte übertrieben, küsste der jungen Frau die Hand und wandte sich dann mit großer Geste an die anderen Anwesenden. »Und das hier ist meine Hauptdarstellerin! Darf ich vorstellen: Charlotte Paulus, oder besser: Samirah, die Schlangenfrau!«

      Auch mit sorgfältig unter dem Hut gebändigter Lockenpracht und in ein schlichtes graues Faltencape gehüllt, war die Schlangentänzerin eine eindrucksvolle Erscheinung: Die ungewöhnlich großen, blauen Augen und der für Rothaarige typische fast durchsichtige Teint verliehen ihr etwas Kühles,

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