Скачать книгу

      

      Bo R Holmberg

      Tochter der Diebin

      Aus dem Schwedischen

      von Angelika Kutsch

      Saga

Eins

      Es ist nur ein aus lockeren Brettern zusammengefügter Schuppen, der nicht weit entfernt von der Brücke steht. Sie führt über das Flüsschen, und die beiden Knechte, die schweigend vor der Tür sitzen, können das leise Murmeln von Wasser hören.

      Drinnen, in einer Ecke, wartet Anna Ersdotter, gefesselt.

      Hinter dem Schuppen kniet zusammengekrümmt ihre Tochter Kerstin. Sie versucht zu sprechen, aber immer wieder versagt ihr die Stimme. Sie möchte ihrer Mutter Trost und Mut zusprechen für das, was ihr bevorsteht. Doch meistens schluchzt sie nur.

      Morgen soll es geschehen, und Kerstin kann nichts tun, um es zu verhindern.

      Morgen.

      Sie zuckt zusammen, als einer der Knechte ihr zuruft, sie müsse gehen. Rasch und folgsam richtet sie sich auf, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und bückt sich ein letztes Mal zur Mutter hinunter. Doch wieder bringt sie nur ein Schluchzen heraus, und sie läuft davon, am Fluss entlang in Richtung Flärke, über die Landstraße, um in der Bootsmannskate Schutz zu suchen. Dort warten die kleinen Geschwister auf sie, jetzt ist es an ihr, sich um sie zu kümmern.

      In ihrem Kopf drängen sich Bilder von dem, was geschehen wird.

      Sie sieht den Pfahl.

      Kerstin duckt sich, als ob sie die Hiebe entgegennehmen müsste.

      »Mutter ist keine Diebin«, flüstert sie ein ums andere Mal.

      Der Schandpfahl stand in Myckelbyn.

      Es war das größte Dorf. Der Schandpfahl stand genau gegenüber der weißen Kirche und dem Glockenturm, auf der anderen Seite der Landstraße. Wer vorbeiging oder in einem Fuhrwerk des Weges kam, konnten ihn nicht sehen. Er war verborgen hinter einer Mauer von Laub. Vor der Kirche, dem Dorf zu, duckten sich zu beiden Seiten des Weges graue Häuser, in denen die Handwerker des Kirchspiels ihre Werkstätten hatten.

      Aber heute hatten sie geschlossen, heute war das Dorf voller Leute. Manche hatten sich im Gasthof am Ende des Dorfes einquartiert, der sie mit offenen Armen empfing. Andere waren aus anderen Dörfern unterwegs nach Myckelbyn, auf der Landstraße oder entlang des Flusses. Von Flärke kamen sie, den schmalen Pfad entlang, der eher wie ein Trampelpfad des Viehs wirkte, von Fanbyn über den See oder über die wacklige Holzbrücke.

      Viele kamen auch durch den Wald, denn hier gab es Wald, soweit das Auge reichte. Myckelbyn und die anderen Dörfer und Seen lagen tief im Tal, das die einzige Öffnung in all dem Dunkel war.

      Alle waren zum Schandpfahl unterwegs.

      Bald war der ausgetretene Platz mit erwartungsvollen Menschen gefüllt. Sie begrüßten einander, sie lachten und schlugen sich gegenseitig auf die Schultern. Bauern und Knechte, Bauersfrauen und Mägde. Und Kinder. Endlich gab es eine Abwechslung im Einerlei des Alltags. Da stand der Pfahl, wie beschämt, in der Mitte eine riesige eiserne Öse.

      Ein Mann mit einem langen Bart und einer gespaltenen Lippe schwankte unter dem Gewicht einer großen Tonne herum, die er sich um den Hals gehängt hatte. Aus einem Becher, der an seinem Gürtel hing, verkaufte er ein paar Schlucke.

      Die Männer hatten sich die besten Plätze ausgesucht, sie standen im Kreis um den Pfahl.

      »Bringt sie endlich her!«, schrie ein junger Mann. Er hatte ein weichliches Gesicht, noch bartlos, aber seine Worte waren wie ein Signal. Die Männer fielen ein und begannen im Chor zu schreien und zu rufen. Ihre Stimmen bildeten eine schwankende, taktfeste Mauer vor dem hohen Pfahl.

      »Bringt sie her! Bringt sie her!«

      Die Frauen standen in einer Gruppe für sich. Mit ihren grauen Kopftüchern und verhärmten Gesichtern wirkten sie wie Krähen. Eine kräftige Frau löste sich aus der Gruppe und kam mit langen Schritten auf die Männer zu.

      »Hängt sie doch gleich auf!«, schrie sie, und der Speichel sprühte ihr aus dem Mund, der sich zu einem höhnischen Lachen verzerrte. Die Männer fielen ein, sie hoben ihre Flaschen und Becher und grölten.

      Ein Fiedler versuchte tapfer, sich Gehör zu verschaffen, und am Waldrand sammelten sich Kinder. Sie versuchten, die Stimmen und Bewegungen der Erwachsenen nachzuahmen, und bewarfen einander und die Frauen mit Tannenzapfen. Ein Mann im Schwarzrock bot auf einem Brett, das er über zwei Böcke gelegt hatte, Stoffe, Brot, Lederfetzen, Miniaturgalgen und kleine Ruten an. Doch der Handel wollte nicht recht gehen. Er schwenkte seinen Hut und schrie: »Kommt und kauft! Kommt und kauft!«

      Aber als ob jemand die Hand erhoben und Ruhe geboten hätte, verstummten plötzlich alle, ein mageres Schwein wühlte in einem Graben, noch ein letzter Quietscher der Geige, dann war es still.

      Sie war unterwegs.

      Der Lehnsmann ging mit langen Schritten und scharfem Blick voran. Unter der Uniformmütze sickerte Schweiß hervor, und ein Mundwinkel zuckte, als ob jemand mit einem unsichtbaren Faden daran zöge. Die Männer wichen zurück und rissen sich Mützen und Hüte von den Köpfen.

      Hinter ihm ging der Profos in einem langen schwarzen Rock, den Blick auf die Erde geheftet. In der Hand die beiden Ruten.

      Zuletzt kam sie. Sie ging zwischen ihren beiden Wächtern, zwei Knechten in sauberen Hemden, gegürtet mit Lederstreifen. Nicht gewöhnt an so viele Menschen, warfen sie ängstliche Blicke um sich. Schnell gingen sie, Anna, die Diebin, stolperte zwischen ihnen vorwärts, und manchmal traten sie auf ihre nackten Füße. Doch den Kopf trug sie hoch, ihre brennend schwarzen Augen begegneten Augen, die ihnen begegnen wollten. Ihr Haar war verfilzt und das Gesicht weiß wie verdorbene Milch, aber schön war sie. Das Leibchen, das man ihr zum Auspeitschen angelegt hatte, ließ ihren Rücken frei.

      Jetzt näherte sie sich dem Haufen Männer, Speichel traf sie mitten ins Gesicht. Gegen ihren Rücken prasselten Tannenzapfen und Steine, und die kräftige Frau mit dem verfaulten Maul drängte die Knechte beinah beiseite und schlug Anna gegen die Brust.

      »Aus dem Weg, aus dem Weg!«, brüllte der Lehnsmann und kam den Knechten zu Hilfe. Er packte Anna im Nacken und schob sie rasch gegen den Schandpfahl. Der Profos griff sofort nach ihren Händen, riss sie hoch und band sie mit einem Seil an der eisernen Öse fest, sodass sie halb hängend dastand.

      Der Lehnsmann fuchtelte mit den Armen und scheuchte den johlenden Haufen beiseite.

      »Platz da! Platz da!«

      Der Profos hatte bereits Posten hinter Anna, der Diebin, bezogen und krempelte die Ärmel seines langen Rockes auf.

      Der Lehnsmann wischte sich den Schweiß von der Stirn und holte ein Blatt Papier hervor. Mit eintöniger Stimme las er die Diebstähle vor, derer sich Anna schuldig gemacht hatte.

      »Dreiunddreißig Taler! Dreiunddreißig Taler! Du Schlampe!«, schrie die Zahnlose. »Aber jetzt kriegst du die Rute.«

      Einer der Knechte zischte ihr zu, sie solle still sein, und schob sie brüsk zur Seite. Sie fauchte und spuckte und wurde erst still, als der Knecht ihr einen Schlag versetzte.

      »Und deshalb soll Anna Ersdotter gestäupt werden, sechsundzwanzig Paar Ruten, drei Schläge pro Paar«, schloss der Lehnsmann.

      Die Schläge begannen durch die Luft zu pfeifen, und die Leute zählten jeden Schlag mit, geilten sich an der Züchtigung auf.

      Das Leibchen rutschte herunter, und eine Brust hüpfte heraus.

      Bald begann Anna zu wimmern und zu jammern. Die ersten Rutenpaare waren verschlissen, und dem Bartlosen gelang es, ein Paar davon zur Erinnerung zu ergattern. Er wischte das Blut ab und steckte es in sein Hemd.

      »Vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig.«

      Der Lehnsmann zählte mit. Jetzt ließ sie den Kopf hängen und klagte laut. Ihr Rücken war streifig von den Rutenschlägen. Bei jedem Schlag zuckte sie zusammen, und ihre Brust wippte.

Скачать книгу